Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 15.1921

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Besprechungen.

Aus Natur und Geistesvvelt. Verlag von B. G. Teubner in Leipzig. ;

Leser dieser Zeitschrift, die nicht Fachphilosophen sind, fragen mich öfter nach
kurzen Darstellungen wichtiger philosophischer Gebiete, da sie gerade im Zusammen-
hang mit ästhetischen Arbeiten das Bedürfnis empfinden, sich über Philosophie be-
lehren zu lassen. Ich empfehle dann gern, außer Meiners »Philosophischer BibliO'
thek«, die Bändchen, die bei Göschen, Quelle und Meyer und Teubner erschienen
sind. Vielleicht ist es auch anderen Lesern erwünscht, zunächst einmal über die
von Teubner veröffentlichten kleinen Bücher etwas zu erfahren.

Eine allgemeine Auseinandersetzung über Wesen und Grundfragen der Philo-
sophie enthält Bd. 1S6, verfaßt von Hans Richert, ehemals Oberrealschuldirektör
in Posen. Hierin findet sich auch ein Abschnitt über Ästhetik. Er zeigt dieselben
Merkmale wie das Ganze: er bringt nichts geradezu Falsches, aber auch nirgends
wirkliche Aufklärung, er ruht weder auf einer zureichenden Kenntnis des gegen-
wärtigen Standes unserer Wissenschaft noch auf einer selbständigen Anschauung
von den Problemen. Ich finde das Buch unbedeutend. — Eine beträchtliche Höhe
dagegen erreicht Edvard Lehmanns Beitrag zur Sammlung Teubner: »Mystik
im Heidentum und Christentum« (Bd. 217). Da Lehmann höchst lebendig, manch-
mal fast burschikos schreibt, so wird man von seiner Darstellung ebenso wie vom
Stoff gefesselt; und dabei steht er zu seinem Gegenstand nicht eben freundschaft-
lich. Er rühmt als der Mystik Tat nur dies, daß sie das Kommen eines Tages an-
kündigt, und warnt vor ihr, weil sie gar leicht ein Abenddunkel werden kann, das
sich als undurchdringliches Zwielicht um die Seelen legt«. Gestalten der primitiven,
der indischen, der persischen Mystik ziehen an unseren Augen vorüber. Dann be-
schäftigen wir uns mit Plato (der die Mystik der Persönlichkeit an Stelle der Natur-
mystik gesetzt habe) und mit Christus (der nicht Askese, Ekstase, Intuition gefor-
dert, nicht Vereinigung, sondern Gemeinschaft mit Gott gelehrt habe). Gut wird
nun gezeigt, wie Plato bei Philo und Clemens und namentlich beim Areopagiten
nachwirkt. Scharfe Worte fallen gegen Meister Eckhart und gegen den mittelalter-
lichen Realismus. Von Luther ab wird die Schilderung kürzer und hört im Grunde
schon mit den Quietisten auf. — Gehen wir zu allgemeineren philosophiegeschicht-
lichen Versuchen über, so stoßen wir auf eine schon in vierzigtausend Stücken ver-
breitete Schrift von Ludwig Busse: »Die Weltanschauungen der großen Philo-
sophen der Neuzeit« (Bd. 56). Weshalb sie so beliebt ist? Weil sie auf dem Grunde
herkömmlicher Voraussetzungen die klassisch gewordenen Systeme faßlich und
nüchtern darstellt. Ein Schulbuch, allen Prüflingen wohl zu empfehlen. — Selb-
ständiger und lebensvoller ist die geschichtliche Einleitung in die Philosophie von
Jonas Cohn, betitelt »Führende Denker« (Bd. 176). Vor allen Dingen besitzt
der Verfasser die Gabe, sich in die Stimmung des noch nicht unterrichteten, aber
geistig reifen Lesers hineinzufühlen, und er hat den Mut zur Unvoll ständigkeit
(der sich gelegentlich auch in einen Mut zur Unrichtigkeit verwandelt); außerdem
steht er — naturgemäß — dem philosophischen Fühlen der Gegenwart näher als

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. XV. 22
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