Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 15.1921

Page: 404
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zaak1921/0408
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
XII.

Beiträge zur Lehre vom Ornament.

Von
F. Adama van Scheltema.

I. Die technisch-materialistische Erklärung
der ersten Ornamentformen.

Mit Tafel I—III.

Der scharfe, nie genügend betonte Gegensatz in der Entwicklung
der ornamentalen Kunst bei den Naturvölkern und dem Menschen der
Diluvialzeit einerseits, in der. jüngeren Steinzeit und den anschließenden
Entwicklungsperioden anderseits, vereinfacht den kritischen ersten Teil
dieser Untersuchung, die sich ausschließlich mit der prähistorischen
Ornamentik Europas seit dem Anfang der Neolithzeit beschäftigt. Denn
von den beiden Hauptwurzeln des primitiven Ornaments, die man
gewöhnlich unterscheidet, nämlich der Erstarrung ursprünglich natura-
listischer Formen und der Übertragung technischer Muster, kann hier
nur letztere in Betracht kommen. Zeigen doch die Strich- und Tupfen-
reihen der neolithischen Gerätverzierung, besonders auch in ihren An-
fängen — dänische Muschelhaufenkeramik der Litorinazeit —, daß von
irgendwelcher Beziehung zu den erstarrten Formen einer vorhergehen-
den naturalistischen Kunstübung nicht entfernt die Rede sein kann.
So ist es begreiflich, daß die Theorie von der Übertragung tech-
nischer Motive als Entstehungsursache für das Ornament sich beson-
ders in den prähistorischen Forscherkreisen einer allgemeinen Beliebt-
heit erfreut1).

Bei dieser technisch-materialistischen Erklärungsweise, die meines

') Eine entschiedene Bekämpfung erfolgte nur von Seite der Kunsthistoriker:
Alois Riegl in seinen Stilfragen (1893), dann vor allem Aug. Schmarsow (Zeitschr.
f. Ästh. 1910); dazu die lehrreiche, die Ergebnisse der Ornamentforschung zusammen-
fassende Darstellung seiner Schülerin Elisabeth Wilson (Das Ornament, Erfurt 1914).
Meine hier folgende Widerlegung der technischen Erklärung, die sich in erster Linie
auf die konkreten, geschichtlichen Erscheinungen stützt, berührt sich nur zum Teil mit
Schmarsows theoretisch-psychologischen Gedanken. Die Feststellung des eigenartigen
Verhältnisses zur Technik und zu den technischen Formen bewegte sich in einer
anderen Richtung und ergab abweichende Resultate.
loading ...