Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 15.1921

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XI.

Kunstcharaktere südabendländischer Völker.

Von

Otto Höver.

Die von Alois RieglJ) in die Kunstgeschichte eingeführten Be-
griffe taktisch (haptisch) und optisch sind wesentliches terminologi-
sches Rüstzeug zur Charakterisierung ethnischer Besonderheiten des
Kunstwollens, das eigentlich ein Kunst-Müssen ist.

Der Wiener Kunstforscher wollte mit den genannten Begriffen die
besondere schöpferische Haltung einzelner Epochen im überethnischen
(übernationalen) Sinne fassen. Taktische Werte sollten in den Kunst-
leistungen von Anfangsphasen und mittleren (klassischen) Stufen ver-
wirklicht sein. Nahsichtige Einstellung vermittelte in Anfangsphasen,
normalsichtige Einstellung in klassischen Phasen das taktische Erlebnis.
So mußte die ägyptische Kunst unbedingt taktisch-nahsichtig, die
griechische Klassik hingegen taktisch-normalsichtig sein. Das Optische
und damit fernsichtiger Standpunkt blieben dann eine Angelegenheit
aller Spätphasen (Spätantike, Barocke usw.).

Wir nun sehen von jeder zeitlichen Auswertung dieser Begriffe
ab. Uns bedeuten sie vielmehr die zeitlosen psychischen Grundver-
haltungsweisen des kunstschaffenden wie kunsterlebenden Menschen
überhaupt, mögliche Grundeinstellungen der Völker (Rassen) im schöpfe-
rischen Verhalten wie Erleben2).

Gleich hier aber sei bemerkt, daß innerhalb der abendländischen
Kunstwelt immer die Völker mit hervorragend taktisch-körperhafter
Begabung die Begründer von Zeitstilen (klassischen Epochen) sind
— Begabung für das Neuanfangen —, wogegen die optische Veran-
lagung meist in Spätepochen zu höchsten schöpferischen Leistungen
gelangt. Eine Übereinstimmung mit Riegls Auffassung läßt sich also
auf diesem Grunde wohl erzielen.

Mit den Begriffen taktisch und optisch allein ist es jedoch nicht

') Vgl. Alois Riegl, Spatrömische Kunstindustrie.

-) Vgl. auch Bernhard Schweizer, Die Begriffe des Plastischen und des Male-
rischen als Grundformen der Anschauung, diese Zeitschrift Bd. XIII (S. 259).
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