Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 15.1921

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IV.

Die Darstellung auf der Fläche.

Von

Kurt Theodor.

I.

Malerei und Zeichnung sind darstellende Künste; es gehört zu
ihren wesentlichen Merkmalen, daß Gegenstände unserer Erfahrungs-
welt auf der Fläche zur Wiedergabe gelangen. Wie weit aber schon
aus diesem Verhältnis von Bild und Vorbild ästhetische Werte er-
wachsen können, ist eine strittige Frage. Daß der Illusionskraft des
Kunstwerks im klassischen Altertum große Bedeutung beigemessen
wurde, zeigt die bekannte Anekdote vom Wettstreit des Zeuxis und
des Parrhasios. Ähnliche Geschichten werden aus China überliefert.
Auch bei uns verlangt zum mindesten die breite Masse — aber
nicht nur diese — von einem Gemälde vor allem Naturwahrheit. Wer
darin die Äußerung eines ungeschulten Geschmacks sehen wollte,
muß wenigstens zugeben, daß in der Nachahmung eine der Wurzeln
des künstlerischen Schaffens liegt. Das Kind freut sich, wenn es
ihm gelingt, die vertrauten Gegenstände der Umgebung in seiner
Zeichnung erkennbar hervorzubringen. Die Zeichnungen der Natur-
völker sind teilweise aus denselben Absichten zu erklären. Erst da-
neben treten andere Antriebe auf: Schmuck der Fläche, Festhalten
der Erinnerung, Formtrieb der Phantasie. Auch für den reifen Künst-
ler bleibt das Streben, ein Naturbild möglichst überzeugend auf die
Fläche zu übertragen, mehr als bloße Voraussetzung seines Schaffens.

Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein trug die ästhetische Theorie
diesem Tatbestand Rechnung. Allgemein wurde mit einer gewissen
Selbstverständlichkeit die Illusion als Hauptzweck der Malerei hin-
gestellt. Oft sprach man vorsichtiger von Nachahmung; darin liegt
dann die Einsicht, daß die Illusion nicht zu vollkommener Irreführung
gesteigert werden darf, weil man die Täuschung nur ganz auskosten
kann, wenn man sich ihrer bewußt bleibt. Um eine Erklärung für
den Zweck solcher Nachahmung war man nicht verlegen. Die Freude
an der Ähnlichkeit mit dem Vorbild und an der Geschicklichkeit des
Künstlers schien ihren Wert ausreichend zu begründen.

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. XV. 9
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