Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 15.1921

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V.

Die Begründung der deutschen Kunstwissenschaft
durch Christ und Winckelmann.

Von

Wilhelm Waetzoldt.

1.

In den Jahren 1735—1756 lehrte als »große Zierde« an der Uni-
versität Leipzig ein gepflegter, vielgereister, -erfahrener, -belesener Mann,
Johann Friedrich Christ. Diese durchaus nicht im Bücherstaub wun-
derlich und trocken gewordene, sondern harmonisch durchgebildete,
geistreiche Natur von aristokratischer Haltung und Lebensweise er-
öffnet den Reigen der Altertumsforscher und Kunstgeschichtsschreiber
des 18. Jahrhunderts. Christ ist Winckelmanns Vorläufer. Und doch
werden wir uns nicht verleiten lassen dürfen, den Ruhm, der Begrün-
der der deutschen Kunstwissenschaft gewesen zu sein, von Winckel-
mann auf Christ zu übertragen. Christs Vorlesungen — in ihnen muß
er sein Bestes gegeben haben — die er durch Vorzeigen von Gegen-
ständen aus seinem reich ausgestatteten »Museum« anschaulich zu
machen liebte, diese Vorlesungen faßten unter dem Titel »Literatur«
oder »Archäologie der Literatur« als einen neuen akademischen Lehr-
gegenstand zusammen: Inschriften-, Statuen-, Münzkunde, Diplomatik,
Geschichte des gedruckten Buches sowie des Kupferstichs u. a. m.
Über alle diese Wissensgebiete hat Christ gelesen und geschrieben.
Archäologie und Kunstgeschichte wurden von ihm sozusagen noch
in eine Windel gewickelt. Winckelmanns Kolumbustat sollte es dann
werden, aus dem Knäuel antiquarischer und kunsthistorischer Diszi-
plinen, die sich unter Christs Sammelnamen »de re läeraria« versteckt
hatten, die »Geschichte der Kunst des Altertums« als Archäologie los-
zulösen und diese neue Wissenschaft nicht als Literaturgeschichte, son-
dern als Denkmäler- und Stilgeschichte zu treiben. Und noch nach
einer anderen Seite muß von vornherein die Grenze zwischen dem
hochtalentierten Christ und seinem genialen Nachfolger Winckelmann
gezogen werden: Christs Wissen, seine Kritik, seine von techni-
schen, ästhetischen, historischen, philologischen Standpunkten aus-
gehenden Forschungen haften am Einzelnen, am Einzelwerk, an Einzel-
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