Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 15.1921

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Bemerkungen.

Ziele und Wege der Literaturwissenschaft.

Von

HeinrichMeyer-Benfey. • •

Literaturwissenschaft — schon der Name birgt ein Programm. Denn
die gewöhnliche Bezeichnung des Faches im Kreise der akademischen Wissenschaften
heißt: Literaturgeschichte. Aber von der Wissenschaft, die hier umrissen wer-
den soll, ist die Literaturgeschichte nur ein Teil, und nicht einmal der erste, der
Zeit wie dem Range nach.

Man pflegt das Oesamtgebiet der Geisteswissenschaften, von den philosophischen
Disziplinen abgesehen, in Philologie und Geschichte zu zerlegen. Aber auch
die Philologie hat sich mehr und mehr zu [geschichtlicher Betrachtungsweise ent-
wickelt: Geschichte der Sprache, Geschichte der Literatur, Geschichte der Kunst,
Geschichte der nationalen Kultur überhaupt. Auf der anderen Seite hat die Ge-
schichte über ihr ursprüngliches und eigenstes Gebiet, die Darstellung des staat-
lichen Lebens und der friedlichen und kriegerischen Beziehungen zwischen den
Völkern, hinausgegriffen und in der kulturgeschichtlichen Richtung die Gesamtheit
des geistigen Lebens, Literatur und Kunst eingeschlossen, in ihren Kreis gezogen.
So ist die Grenze zwischen beiden fließend geworden, weder im Gegenstande noch
in der Behandlungsart ist ein durchgreifender Unterschied, und man könnte fragen,
ob jene alte Einteilung überhaupt noch Sinn und Recht hat. Ist nicht alle Geistes-
wissenschaft im Grunde Geschichtswissenschaft? — Ohne Zweifel enthält diese
Auffassung einen richtigen und wichtigen Kern. Aber sie ist doch nur eine halbe
Wahrheit. Denn sie übersieht den durchaus grundsätzlichen Unterschied, der in
der Tat zwischen der Erforschung des politischen Lebens und der Betrachtung der
Literatur und Kunst besteht. Auf politischem, wie überhaupt auf praktischem Ge-
biete ist die einzelne Tat nur innerhalb der geschichtlichen Zusammenhänge ver-
ständlich. Eine Staatsgründung, ein Sieg, ein Gesetzgebungsakt, die Gründung einer
Gesellschaft oder eines Unternehmens, eine Erfindung, alles das ist nichts an sich
und erhält seinen Sinn erst, wenn wir es in Beziehung zu Vergangenheit, Gegen-
wart und Zukunft setzen. Die Betrachtung dessen, was vorausliegt, ergibt die zu
lösende Aufgabe, die der gleichzeitigen Situation die Bedingungen, Möglichkeiten
und Schwierigkeiten der Durchführung, die der Nachwirkung und der Folgezeit über-
haupt gibt der Leistung ihre Bedeutung. Hier ist die geschichtliche Betrachtungs-
weise durchaus die wesentliche und primäre. Ganz anders bei den Werken der
Literatur und der Kunst. Gewiß fallen auch sie unter den geschichtlichen
Gesichtspunkt, aber dieser kommt erst in zweiter Linie. Denn die Gebilde der
Kunst haben das besondere Vorrecht, daß sie unmittelbar zu uns sprechen und uns
ihren Sinn erschließen; eine Sprache von Seele zu Seele, die keiner Vermittlung
durch ein Wissen oder Denken bedarf. In der reinen Anschauung wird uns ein
seelischer Gehalt mitgeteilt — das ist die grundlegende Tatsache in allem ästheti-
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