Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 15.1921

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II.

Erfindung und Entdeckung.
Zwei Grundbegriffe der Literaturpsychologie.

Von

Charlotte Bühler.

I. Dichtungsinhalt.

1. Einleitung. Die Begriffe. Es ist in der Kunst wie in der
Wissenschaft: nur der irgendwie Neues zu bieten hat, und sei es
auch noch so klein, kann überhaupt den Anspruch erheben, irgend
etwas zur Kunst oder Wissenschaft Gehöriges geschaffen zu haben.
Diese Neuheiten können zweierlei Art sein. In der Wissenschaft hat
man schon längst zwei Ausdrücke dafür mit präzis unterschiedenem
Sinn, in der Kunst hoffen wir sie heimisch zu machen und ihnen in
exakter Sinnbestimmung Platz anzuweisen: es sind das die Begriffe
Erfindung und Entdeckung.

Jedermann sind wohl schon zwei in der Kunst vorherrschende
Hauptbestrebungen aufgefallen, der Wunsch der einen, möglichst
originell zu sein, möglichst Seltenes, Seltsames, Außergewöhnliches
interessant Erfundenes zu gestalten, und das diesem feindliche Be-
streben der anderen, möglichst gar nicht aus der Wirklichkeit heraus-
zugehen, ihre Erscheinungen und Gesetze getreu, aber in neuer Be-
leuchtung wiederzugeben, Entdeckungen an ihr zu machen. Da-
zwischen gibt es vermittelnde Verfahren. Aber die beiden Arten sind
die einzig möglichen, Neues zu bringen. Wir enthalten uns jeder
Wertäußerung über die eine und die andere. Das große Kunstwerk
ist eine harmonische Synthese beider. Wir wollen hier ohne Wertung
nur die eine und die andere kennen lernen, psychologisch ihr Wesen
ergründen und ihre Leistungen analysieren. Das ist die Aufgabe dieses
und später folgender Versuche.

Franz Kafka erzählt in einer grotesken, symbolisierenden Novelle,
»Die Verwandlung« betitelt, wie ein junger Mann, Reisender von
Beruf, eines Morgens mit einer merkwürdigen Starrheit in den Gliedern
in seinem Bette aufwacht, wie er vergebens wartet, daß diese Unmög-
lichkeit sich zu rühren und aufzustehen, von ihm weiche; wie er ver-
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