Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 15.1921

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42 HUGO GOLDSCHMIDT.

für das Gebiet der Tonmalerei ein Fortschreiten von der Treue des
Bildes zu einer immer mehr erstarkenden Stilisierung und Kräftigung
des gefühlsmäßigen Inhalts feststellen konnten, so dürfen wir auch
für die Symbolik ein immer mehr fortschreitendes Hervortreten des
Gefühls gegenüber den symbolischen Elementen feststellen. Nur hat
sich geschichtlich dieser Prozeß für das Gebiet der Symbolik schneller
vollzogen, eigentlich in dem Wirken eines Mannes, Seb. Bachs. Er
hat keine symbolisch gedachten Tonkomplexe mehr aufgestellt oder
doch nur ganz vereinzelt, die ohne das Erkennen ihrer symboli-
schen Eigenschaft eines Sinnes völlig entbehrten. Sie bleiben alle-
mal gefühlsinhaltlich bedeutungsvoll, mögen sie sich nun auf Ton-
malerei stützen, also an die Vorstellung eines äußeren Vorganges an-
lehnen, oder aus freier analogiebarer Charakteristik herauswachsen.

2. Gegenüber gewissen Ausschreitungen der Bachschen Kirchen-
musik muß daran erinnert werden, daß sie eben nicht ausschließ-
lich ästhetische Zwecke verfolgt, sondern auch außerästhetische:
religiöse. Sie will der Gemeinde den Inhalt der Dichtung recht nahe
bringen. Wie die Kunst des Porträtmalers auf die Ähnlichkeit, so geht
die Kirchenmusik auf die Veranschaulichung des Textes in erster Linie
aus. Einen bedeutenden Einfluß auf Bachs Schaffensweise hat hier
auch die rationalistische Denkweise seiner Zeit ausgeübt.

3. Die nicht überall abzuleugnende Realistik der Themenkonstruk-
tion erfährt aber eine wohltätige Abschwächung durch die künstliche
Einstellung in den Gesamtverlauf. Von diesem Gegenstand denke
ich ein anderes Mal zu handeln.
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