Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 15.1921

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BEMERKUNGEN. 459

dem ersten Namen vereinigt er Künste, die für das Auge bestimmt sind und es teils
mit der Fläche, teils mit dem Körper (und dann wieder nach Schmarsows Vorschlag
mit Innenraum oder nicht) zu tun haben. Unter den musischen Künsten gibt es
ausführende1), die sich an die beiden oberen Sinne wenden und gewissermaßen
von den bildenden Künsten zur Wortkunst überleiten; sie gliedern sich nach der
Sinnesbeanspruchung in drei Gruppen, nach Raum und Zeit in zwei Gruppen. Alles
übrige erklärt sich durch einen Blick auf die Tafel.

Hieraus ergibt sich, daß wir nicht mehr einfach von sechs Künsten sprechen
dürfen (Baukunst, Bildhauerei, Malerei, Mimik, Musik, Dichtkunst), sondern daß wir
auch solche Fälle berücksichtigen müssen wie die Griffelkunst (objektiv-abstrakt),
Denkmalskunst (Baukunst ohne Innenraum), die Arten der Musik, den Unterschied
zwischen Epos und Lyrik usw. Die Verknüpfung mehrerer Künste miteinander, z. B.
im Musikdrama, ist längst bemerkt worden; sie steht ästhetisch höher als die Be-
einflussung einer Kunst durch die andere, z. B. der Barockskulptur durch die Malerei,
und kommt als selbständiger Wert in unserer Tabelle zum Ausdruck. Man beachte
die Dreiteilung des Musikdramas, die Zweiteilung der Vokalmusik, ferner die Höhen-
lage aller einzelnen Angaben, schließlich auch die jeweils gewählte Schriftgröße:
mit allen solchen kleinen Mitteln sind die Beziehungen der Künste möglichst er-
schöpfend angedeutet (die schmückenden Künste sind wegen ihrer Unselbständigkeit
in Klammern gesetzt). Meines Erachtens fehlt in dieser Übersicht nichts Wesent-
liches. Wenn Deri weitere Kombinationen erwähnt, etwa das Lesen einer Novelle
beim gleichzeitigen Anhören von Musik, so handelt es sich bloß um eine Spaltung
der Aufmerksamkeit. Eine viel wirksamere Zusammenstellung verschiedener Künste
findet sich im katholischen Gottesdienst. In einer herrlichen Kathedrale, die mit
malerischen und plastischen Werken ausgestattet ist, bewegen sich die Priester in
ihren prachtvollen Gewändern, lesen die heiligen poetischen Worte mit musikalischer
Begleitung und bringen auch mimisch die Liturgie zum Ausdruck: hier erleben wir
eine Art von Gesamtkunstwerk.

Zum Schluß sei an den Beginn angeknüpft und hervorgehoben, daß die ge-
nannten Gattungen, die übrigens auch noch mehrere Arten unter sich haben, in
ästhetischer Beziehung durchaus selbständig und nicht weiter aufeinander zurück-
zuführen sind.

Über das Komische und den Witz.

Von
Rolf Wolfgang Martens.
Die Literatur bietet uns eine stattliche Anzahl verschiedenartiger Erklärungen
des Komischen, die zum größten Teil den Fehler aufzeigen, daß sie zu eng und zu
weit sind, d. h. daß sie einerseits nicht umfassend oder intensiv genug sind, um
alles Komische unter sich zu begreifen, und daß sie andererseits sich auch auf
Prozesse anwenden lassen, die wir nicht als komisch bezeichnen2). Ein Grund dieser

') Der Verfasser nennt sie Artes de la ejecucidn; ich habe die wortgetreue Über-
setzung gewählt, obwohl sie nicht gerade geschickt ist. M. D.

2) Diese Bemerkung findet sich schon bei Jean Paul (Vorsch. d. Ästh. I, par. 26),
bei Schopenhauer (Welt a. W. u. V. II, S. 106) und bei Kuno Fischer (Über den
Witz, S. 14). — Ein jeder macht seinen Vorgängern den gleichen Vorwurf und über-
sieht, daß er auch auf ihn selbst paßt.


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