Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 15.1921

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BEMERKUNGEN. 211

geschlagen durch die Arbeit des schöpferischen Kritikers, des idealen Vertreters des
Publikums, der sich des Kunstwerks in mitschaffender Phantasie annimmt.

In diesem Sinn will der »Deutsche Werkbund«, der Förderer eines quali-
täterfüllten Ausgleichs zwischen Industriestrenge und künstlerischer Phantasie in
Architektur und Kunstgewerbe, für seine Ideen mit dem Mittel der Volkshochschule
werben. Warum soll nun dieser Versuch nicht auch auf alle anderen Künste
ausgedehnt werden und das Verständnis für sie in breiteste Massen tragen?

Voraussetzung ist natürlich, daß sich die richtigen Persönlichkeiten
für diese ernsthafteste Kulturaufgabe finden: Denn wie der schöpferische Künstler,
so wird auch der schöpferische Kunstbetrachter, der mit Phantasie und instinktivem
Urteil ausgestaltete Kritiker, geboren. Das Studium kann der Ausbildung seiner
kunstkritischen Fähigkeiten helfen, sie aber niemals aus bloßer Gelehrsamkeit heraus
erschaffen.

So wäre denn an sich der hier entwickelte Plan der Kritikerkurse sehr frag-
würdig, wenn nicht das tatsächliche und geistige Bedürfnis mehr Kritiker
und mehr Kunstbetrachtungen verlangte, als es geborene kritische Genies gibt: Auf
daß sich aber nicht, wie eine böse Erfahrung lehrt, in diese so ernsthafte Aufgabe
unberufene Dilettanten oder gar schmutzige Schieberseelen eindrängen, darum haben
die Kritikerkurse, welche man sich als gelegentliche Veranstaltung, wie auch als
bleibende Einrichtung denken kann, für die Ausbildung eines gut gerüsteten, stän-
digen Ersatzes in diesem geistigen Beruf zu sorgen.

Probleme der literarischen Kritik bei Aug. Wilh. Schlegel.

Von
Heinrich Merk.

I.

Die Würdigung von A. W. Schlegels kritischer Tätigkeit ist Sache des Literatur-
historikers. Die Untersuchung der Probleme jedoch, mit denen er das Arbeitsfeld
des Kritikers durchfurcht hat, gehört zur Geschichte der Ästhetik.

Kritik gilt gewöhnlich nur als eine Geschmacksäußerung; es fehlt jede ver-
pflichtende Überlieferung. Für den Kunstrichter handelt es sich meist darum, Inter-
esse zu wecken — sei es für sich oder seinen Gegenstand. Wie er dies zustande
bringt, ist Privatangelegenheit; die Hauptsache ist, daß es ihm gelingt. Schlegels
Bemühungen, so wenig sie auch beachtet worden sind, können daher noch nicht
als erledigt betrachtet werden. Es ist darin der Versuch gemacht, den entscheiden-
den Fragen auf die Spur zu kommen und so von Grund auf zu bauen1).

Wie es für den Erkenntnistheoretiker unerläßlich ist, den »Gegenstand der Er-
kenntnis« scharf zu erfassen, so ist es nicht minder bedeutsam, über den »Gegen-
stand des kritischen Urteils« Klarheit zu besitzen. Man muß doch schließlich wissen,
womit sich der Kritiker auseinandersetzt. Diese Frage ist scheinbar äußerst einfach

') Schlegels Werke werden in folgenden Abkürzungen angeführt: Sämtliche
Werke == S. W. Kritische Schriften = Kr. Sehr. Berliner Vorlesungen über schöne
Literatur und Kunst = B. V. Vorlesungen über philosophische Kunstlehre = K.
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