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Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 15.1921

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Schmarsow, August: Zur Bedeutung des Tiefenerlebnisses im Raumgebilde
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https://doi.org/10.11588/diglit.3623#0109
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BEMERKUNGEN. 195

Mittelachse nicht körperlich hingestellt wird, sondern leer bleibt, damit sie nur idea-
liter wirke und lediglich als Ort des Subjekts bestimmt sei« — als die Zentralstelle
wie des menschlichen Schöpfers auch des lebendigen Bewohners selbst. »Immer
ist die Raumumschließung dieses Subjektes die erste Hauptangelegenheit, d. h. die
Einfriedigung oder Umwandung nach den Seiten zu, nicht etwa die Bedachung
nach oben oder gar die Bezeichnung und Ausbildung des Höhenlotes (in körper-
licher Form). Lange mag sich solche Umhegung unter freiem Himmel erheben«.

Was aber sind die beiden, auch von Spengler genannten Dimensionen »Länge
und Breite«, wenn er ihnen die Tiefe als dritte Dimension gegenüberstellt? Ent-
weder sind beide zusammen nur eine, nämlich die zweite, die dann allein noch
fehlt. Und wir nennen sie gewöhnlich Breitenausdehnungen, reden von Länge nur
in einem besonderen Fall — wenn wir nämlich daran entlang sehen oder gar gehen;
dann aber verwandeln wir sie durch die sukzessive Auffassung erst in die Länge,
d. h. im Vollzuge von einem Ende zum anderen aus der zweiten Dimension in die
dritte. Dies geschieht auch ebenso mit der ersten Dimension, durch den Aufstieg
in die Höhe, etwa als Wachstumsachse eines Menschen, eines Baumes, den wir
dann auch als einen »langen« Kerl, einen »langen« Stamm bezeichnen. So könnte
sich unter der »Länge« in dem angegebenen Wortlaut bei Spengler die Vertikalachse
verbergen, wenn nicht andere Stellen bewiesen, daß er tatsächlich die beiden Hori-
zontalerstreckungen meint. Und so bliebe als letzte Möglichkeit nur übrig, daß sie
auch ihm »in die vierte Dimension geraten« sei, wie wir scherzend von Walzel ge-
sagt. Denken wir aber im Ernst an mathematische Begriffe solcher Art, wie etwa
die vierdimensionale Vektoranalyse, so kommen wir zu einem wichtigen Übergang
aus dem Reich des Raumes in das der Zeit. Sind die gewohnten drei Dimensionen
des Raumes x, y, z, so wählen wir als vierte Größe t (—tempiis) für die Zeit, als
wäre sie ein gleichwertiger Faktor. Dann verbindet sich t in den Transformationen
beliebig mit jedem der drei räumlichen Zeichen, und diese Verbindung entscheidet
eben die Verwandlung aus der Starrheit simultaner Koexistenz in sukzessiven Voll-
zug, aus Raumdistanz in Zeitverlauf, aus Ruhe in Bewegung. Wie die erste und
die zweite Dimension wird auch die dritte durch solche Gesellung mit t zur »Länge«.
Das ist entscheidend für die Lehre vom Rhythmus.

»Nächst dem Höhenlot, dessen lebendiger Träger (das menschliche Subjekt)
mit seiner leiblichen Orientierung nach oben und unten, vorn und hinten, links und
rechts bestimmend weiterwirkt« — liest man a. a. O. S. 16 bei mir weiter —, »ist
die wichtigste Ausdehnung für das eigentliche Raumgebilde vielmehr die Richtung
unserer freien Bewegung, also nach vorwärts, und zugleich unseres Blickes durch
Ort und Stellung unserer Augen bestimmt, also die Tiefenausdehnung. Ihre
Länge bedeutet für das anschauende Subjekt das Maß seiner freien Bewegung im
gegebenen Raum (oder seines Anspruchs an solche im entstehenden) so notwendig,
wie es gewohnt ist vorwärts zu sehen oder zu gehen« usw.

»Der Mensch fühlt sich«, erklärt Spengler (S. 246), »und das ist der Zustand
des wirklichen Wachseins, in einer ihn rings umgebenden Ausgedehntheit. Man
braucht diesen Ureindruck des Weltmäßigen nur zu verfolgen, um festzustellen, daß
es tatsächlich nur eine wahre Dimension des Raumes gibt, die Richtung nämlich
von sich aus in die Ferne, und daß das abstrakte System dreier Dimensionen eine
mechanische Vorstellung, keine Tatsache des Lebens ist. Das Tiefenerlebnis, die
Richtung in die Ferne, dehnt die Empfindung zur Welt«.

Wie ich 1896 ein eigenes Schriftchen über den »Wert der Dimensionen im
menschlichen Raumgebilde« folgen ließ, in dem eben die Ungleichheit dieser Werte
und ihres wechselnden Verhältnisses durchgeführt ward, so fährt auch Spengler an
 
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