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Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 15.1921

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Drost, Willi: Über Wesensdeutung von Landschaftsbildern
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https://doi.org/10.11588/diglit.3623#0277
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ÜBER WESENSDEUTUNG VON LANDSCHAFTSBILDERN. 273

betrachten lassen. Hier liegt die Gefahr eines dogmatischen Ver-
fahrens vor, das den empirischen Bestand vergewaltigt.

Für den Nachweis des Zusammenhangs der Kunstgebilde scheint
der modernen Kunstwissenschaft das Raumschema ein gültiges Kriterium
abzugeben. Die Gesetzmäßigkeit in der Entwicklung des Raumge-
fühls ist offenbar und gibt eine sichere Handhabe. Einerseits macht
man nun in dem Gefühle der vollständigen Lösung des Raumproblems
durch die Gegenwart die geschichtlichen Gebilde zu Etappen auf dieses
Ziel hin, andrerseits erkennt man das jeweilige Schema als eine mit
der Idee notwendig verknüpfte Form und darum als Endpunkt und
restlose Lösung.

Indem wir uns hier der holländischen Landschaftsmalerei im
17. Jahrhundert zuwenden, folgen wir der ideellen Betrachturigsart, ohne
daß wir uns anmaßen, in der Klassifizierung verschiedener geistiger
Einstellungen den Eigengehalt der darunter fallenden Werke und Künstler-
persönlichkeiten vollständig auszuschöpfen. In Vollständigkeit soll sie
uns nur die Mittel an die Hand geben, die wir nun selbst als heuristi-
sche Prinzipien auf die Erscheinungen anwenden können, um das
Menschliche in ihnen zu erleben. Geschichtlich genommen ist die
großartige Leistung dieser Malerei die vollkommene Darstellung des
unendlichen Freiraums, an der viele Jahrhunderte gearbeitet haben.
Von der Idee aus gesehen verknüpft sich diese Art der räumlichen
Gestaltung mit einer besonderen Stellung des Menschen zur Welt,
sie wird aber durch den Ausdruckswillen eines Geistes, der be-
deutsam über seine Zeit hinauswächst, durchkreuzt. So verschieden
der Geist Rembrandts von dem der holländischen Volksmaler ist, so
verschieden sind auch die Merkmale der räumlichen Synthese ihrer Bilder.

In überraschendem Reichtum und mannigfaltigen Spielarten kommt
im Anfange des 17. Jahrhunderts in Holland eine Landschaftsmalerei
auf, die sich von allem, was vorher und nachher auf diesem Gebiete
hervorgebracht wurde, im inneren Wesen unterscheidet. Hier erst er-
hält die Landschaftsmalerei ihre volle Legitimität und tritt gleichbe-
rechtigt neben die anderen Gattungen der Malerei. Und zwar er-
scheint das nicht als die Tat einzelner hervorragender Künstler. In
dem eigentümlichen Gepräge der Erzeugnisse sehen wir nicht den Aus-
druck individueller Persönlichkeiten. Denn unzählig sind die Namen
derer, die sie hervorbrachten, menschlich unbedeutend und uns mehr
oder minder gleichgültig, und doch beweisen diese Werke einen ein-
heitlichen Geist und ein nahezu einheitliches künstlerisches Niveau
auch in technischer Beziehung. Es ist, als wenn die Zeit selbst in

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