Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 15.1921

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306 PAUL ZUCKER.

der dritten Dimension bei der Wiedergabe der räumlichen und körper-
lichen Realität in der Geschichte der bildenden Kunst keine stetige,
sondern starken Veränderungen und Entwicklungen, die keineswegs
etwa geradlinig im Sinne eines illusionistischen »Fortschrittes« ver-
laufen, unterworfen. Dieser Wechsel ist für das Gebiet der Malerei
bereits oft genug Gegenstand ausführlicher Darlegungen gewesen1).
Ob es berechtigt ist, aus der Tatsache der rein flächigen zweidimen-
sionalen Wiedergabe beispielsweise in der byzantinischen und mittel-
alterlichen Malerei eine grundsätzlich illusionsfeindliche Absicht des
Künstlers oder des allgemeinen anonymen »Kunstwollens« zu folgern,
kann füglich bezweifelt werden, da in den gleichen unperspektivischen
Gebilden doch wieder unerhört naturalistische Einzelheiten wieder-
gegeben werden2).

Wir wollen hier nun aber den ganzen Kreis dieser für die Ge-
schichte der Malerei so wesentlichen Probleme beiseite lassen und
vielmehr auf eine Erscheinung hinweisen, die unseres Wissens bisher
stets nur beiläufig und auch dann nur aus einer psychologistischen
Einstellung heraus Gegenstand ästhetischer Erwägungen war, nämlich:
Übereinstimmung und Verschiedenartigkeit der Tiefenentwick--
lung im plastischen und architektonischen Kunstwerk.

Die nächstliegende Unterscheidung zwischen plastischen und
architektonischen Gebilden ist natürlich gegeben durch den Hinweis,
auf die Nachbildung der Wirklichkeit in der Plastik einerseits,
auf den Zweck in der Architektur anderseits3). Die Unzulänglich-
keit dieser anscheinend so einfachen und naheliegenden Gegenüber-
stellung ergibt sich, wenn man an Bildungen wie Sphinx, Karyatide,
mittelalterliche Gewändefiguren und andere nachahmende Bildungen

') Vgl. hierzu besonders die Hinweise bei A. Riegl: Spätrömische Kunstindustrie,
Wien 1901 und die ganze daran anschließende Literatur. Dann auch O. Wulff:
Grundlinien und kritische Erörterungen zur Prinzipienlehre der bildenden Kunst,
Stuttgart 1917. Ferner in gründlicher Mißkennung des Riegischen Standpunktes:
W. Worringer: Altdeutsche Buchillustration 1912, — auch in seiner »Abstraktion und
Einfühlung« recht willkürliche Thesen hierzu. Exakte Forschungen zu dieser Frage
besonders G. I. Kern: Anfänge der zentralperspektivischen Konstruktion in der italie-
nischen Malerei. Mitteilungen des kunsthistorischen Instituts zu Florenz, Berlin 1912
und entsprechend G. I. Kern: Grundzüge der linearperspektivischen Darstellung in
der Kunst der Gebrüder van Eyck, Leipzig 1904.

2) Vgl. hierzu besonders M. Dvorak: Idealismus und Naturalismus in der
gotischen Skulptur und Malerei, München 1918 und die ausgezeichnete Besprechung,
Erich Everths hierzu in dieser Zeitschrift Bd. XIV, Heft 4. ,

3) Gegen die Überbewertung des Zweckbegriffs für das architektonische Kunst-
werk und seine Fixierung als einzigen entscheidenden Faktor, die im Anschluß an
Semper immer noch von den meisten Architektur-Ästhetiken vorgenommen wird,,
wendet sich besonders H. Sorge!: Architektur-Ästhetik, München 1918. ;,
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