Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 15.1921

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BEMERKUNGEN. 329

Apparat verdankt, wie Rank ausführt, »seine Ausgestaltung, die sich mit unbewußter
Notwendigkeit vollzog, lediglich dem Streben nach Gewinn von Lust und Verhütung
von Unlust, nach Abwendung von Not, die an den Menschen mit der höheren
Kultur, die selbst wieder einer Abwehr unserer Not entspringt, immer drängender
herantrat«. Die unterdrückten Triebe bilden das »Unbewußte« im Menschen, sie
sind der Quell, aus dem sich seine Vitalität überhaupt speist und aus dem letzten
Endes alle geistige Höherentwicklung fließt. Während in vorgeschichtlicher Zeit die
»perversen« Triebe — ursprünglich, solange der Mensch noch tierhaft war, ganz
normale Naturtriebe — der Verdrängung anheimfielen, vollzieht sich in der geschicht-
lichen Zeit infolge der sozialen Entwicklungen die allmähliche Verdrängung oder
zum mindesten Einschränkung des Sexualtriebes. Jene bilden hauptsächlich den
Verdrängungskomplex, der phylogenetisch in jedem Menschen wirksam ist; dieser
hauptsächlich den Komplex, der — ontogenetisch — von jedem Individuum in ver-
schiedenem Ausmaße, je nach dem Stärkegrade seiner Vitalität, zu bewältigen ist.

Die »Enge der Wirklichkeit«, wie sie die historische Gesellschaftsentwicklung
mit sich gebracht hat — die Frage, ob als Ursache oder als Wirkung der Ver-
drängung, die letzte Frage, die gestellt werden könnte, ist hier nicht zu beant-
worten —, steht gegen die »Maßlosigkeiten der Wunschphantasien« des Menschen,
wie Stekel sagt. Diese psychoanalytische Theorie ist letzten Endes nur eine bio-
genetische Fassung etwa der Fichteschen Ethik, wie sie in der »Sittenlehre« nieder-
gelegt ist. Drei Wege nun sucht sich die Psyche, um einen Ausgleich herbei-
zuführen, wenn man von dem der direkten Perversion absieht. »Durch die Sperr-
schiffe der Hemmungen werden die brausenden Affekte zurückgehalten. Sie bahnen
sich falsche Wege, das heißt, sie zeitigen neurotische Symptome. Oder sie trachten
auf dem Wege der künstlerischen Sublimierung die Hemmungen zu überwinden«,
sagt Stekel, indem er die zwei anormaleren Umsetzungsmöglichkeiten namhaft
macht, die dritte, die normale, den Traum, nicht nennt. Sowohl Stekel wie Rank
scheiden den reinen Neurotiker scharf vom Künstler, wenn sie auch die Ausdrucks-
weise der Neurotik auf den Künstler anwenden. Jeder Mensch besitzt einen solchen
Schatz verdrängten Materials, aber der normalere Mensch wird mit diesem Material,
das sich stets als Wunsch, als »Egoismus«, um mit Fichte zu reden, äußert, durch
die Abreaktion des Traumes fertig. Zwischen dem Traum, der nur bei völligem
Ausschalten des Bewußtseins zustande kommt, und der Neurose liegt der Zustand
des künstlerischen Schaffens, in dem infolge einer besonderen, auch von der Psycho-
analyse noch nicht bestimmten aktiven Fähigkeit die kulturfeindlichen Triebe »sub-
limiert« werden. Rank stellt diese drei Möglichkeiten, durch die das »Peinliche«
ausgelöst werden kann, in einem Bilde so dar: »Der Neurotiker will gleichsam das
Peinliche verdauen, der Künstler speit es aus, der Träumer schwitzt es aus« —
wobei er unbewußt sehr gut die von ihm unerklärt gebliebene Aktivität der künst-
lerischen Sublimierungsarbeit betont. Während Rank nun die perversen Triebe im
allgemeinen unter Zuschuß des verdrängten sexuellen Grundtriebes als Ursache der
künstlerischen Bewältigung ansetzt, macht Stekel vor allem einen besonderen perversen
Trieb den zum Exhibitionieren, als grundlegend geltend. Nach ihm ist »Dichtung
psychischer Exhibitionismus«.

Auf diesem Fundament versuchen die beiden Psychoanalytiker nun weltanschau-
lich-kulturelle Folgen aufzubauen. Wenn eine triebmäßige, sexuell gestärkte Über-
betonung der Grund zur Sublimierung ist, so wird der Zweck der Sublimierung
mithin der, den Sublimierenden von dieser Überbetonung zu befreien. Das künst-
lerische Schaffen ist also, wie Stekel sagt, »Befreiung von überschüssigen Energien,
ist Entlastung von drückenden Hemmungen«, oder noch schärfer an anderer Stelle:
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