Zeitschrift für christliche Kunst — 19.1906

Seite: 171
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1906. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 6.

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Von der historischen Ausstellung in Nürnberg.

(Mit 4 Abbildungen.)

II.

Die kirchliche Plastik.

Jährend wir bei der kirchlichen
Malerei die chronologische und
entwickelungsgemäße Reihenfolge
beobachteten, empfiehlt es sich
bei der kirchlichen Plastik, um die Übersicht
zu erleichtern, die Gegenstände in sach-
licher Anordnung auf einander folgen zu lassen.
Ich nehme darum die Altarwerke vorweg, um
alsdann die Kruzifixe, Madonnen, die anderen
Einzelfiguren und schließlich die Gruppenbil-
dungen zu behandeln.

Es wurde bereits ausgeführt, daß der Ent-
wurf zum Hersbrucker Altar auf einen
Künstler und zwar auf Michael Wolgemut
zurückgehe. Gemeint sind hiermit auch die
lebensgroßen, vollplastisch geschnitzten Figuren
der Maria mit dem Kinde und der vier
Kirchenväter, welche in faltenreicher Gewan-
dung unter reich gegliederten Baldachinen
auf Laubwerkkonsolen im Mittelschrein stehen.
Es fällt die flüssige Behandlung der Gewänder
auf. Die Falten sind weich und großzügig.
Hier muß unbedingt ein Maler die Hand im
Spiele gehabt und die Ausführung seiner Ent-
würfe überwacht haben. Die Enstehungszeit
des Hersbrucker Altares wurde auf den An-
fang der achtziger Jahre des XV. Jahrh.
festgelegt. Neben dem Hersbrucker Altar
haben 7 weitere Altarwerke Aufstellung gefun-
den. Sie gehören dem Ende des XV. Jahrh.
und dem Anfang bezw. der 1. Hälfte des
XVI. Jahrh. an. Des kleinen Altares
aus der Rosenbergkap eile in Schwa-
bach wurde ebenfalls schon Erwähnung ge-
tan. Er enthält im Mittelschrein in Vollplastik
Christus am Kreuz zwischen Johannes und
Maria und einem weiteren, nicht zugehörigen
Heiligenpaar. Wir haben es mit sinnig em-
pfundenen, lebensvollen Figuren zu tun, wobei
jedoch von den später eingefügten Heiligen
zu abstrahieren ist. Eine besondere Bedeutung
messe ich dem Altar aus Veitsbronn
(Abb. 1) bei. Scheint er auf den ersten Blick
auch einfach und anspruchslos, so gewinnt er
bei näherem Betrachten mehr und mehr. Es
kommt hierbei in erster Linie auf die in
Reliefplastik ausgeführte Darstellung des Mar-

tyriums der hl. Katharina im Mittelschrein an.
Vorn links kniet die jungfräulich gegebene
Heilige im Gebet. Ihr Antlitz trägt jugend-
liche Züge voll zarter Anmut. Die zierlichen
Hände sind ergebungsvoll zusammengelegt.
Ihr Mantel deckt in bauschigen Falten den
Boden. Hinter ihr steht der entsprechend
charakterisierte Scherge. Seine Gestalt ist
im Gegensatz zu der Heiligen robust und von
derben kräftigen Formen. In seinem Antlitz
aber offenbart sich Mitleid, fast Wehmut.
Gerne waltet er nicht seines Amtes. Behut-
sam faßt er die Jungfrau bei der Schulter,
mehr als wollte er sie schonen. In dieser
Gruppe liegt ein selten hoher Grad von
innerer Versenkung und Empfindung. Wir
sind so etwas bei sonst schlichten Arbeiten
nicht gewohnt. Die Massenabwägung ist die
denkbar glücklichste. Zur Rechten der Haupt-
gruppe ein bärtiger König, begleitet von einem
Jüngling mit Schwelt, der ihn bittet, die Heilige
zu schonen. Zur Linken steigt eine Anhöhe
empor, auf der vor dem Rade die in kleinerem
Maßstabe gezeichnete Heilige kniet, während
weiter unter ihr die Peiniger durch eine
höhere Macht zu Boden geschleudert werden.
Die Mitte des Hintergrundes nimmt eine auf
hohem Fels gelegene Burg ein, welche einer
mauerumwehrten Stadt zum Schutze dient.
Rechts an dieser strömt ein Gießbach vorbei,
dessen linkes Ufer von einer Baumgruppe be-
standen ist. Der Altar gehört schon der Zeit
des Erwachens subjektiverer Regungen, dem
Anfang des XVI. Jahrh. an. Der Altar
aus Ottensoos, von dessen der Kulm-
bachschen Schule angehörenden Malereien
bereits gehandelt wurde, ist auch in seinen
bei geöffnetem Zustande sichtbaren Schnitze-
reien nicht bedeutungslos. Namentlich be-
ziehe ich dies auf die unter freigearbeitetem
Rankenbaldachin im Mittelschrein auf einer
von Engeln gehaltenen Mondsichel stehende
Madonna. Die linke Hüfte ist in sanftem
Schwung ausgebogen, und in weich-flüssigem,
natürlichem Faltenwurf flutet der links ange-
raffte Mantel auf die Erde herab. Auch bei
dem größeren Altar aus der Rosen berg-
kapelle in Schwabach ist es in erster
Linie die Schnitzarbeit des Mittelschreines,
die unser Interesse erweckt. Auf gemein-
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