Zeitschrift für christliche Kunst — 19.1906

Seite: 305
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1906. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 10.

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denz spricht sich auch in den Grundsätzen
aus, welche im Büchlein enthalten sind. Es
mögen einige angeführt werden:

Nicht an der Kunst selbst soll der Mensch
Vergnügen haben, sondern nur an der Be-
urteilung derselben. Das Empfinden ist eine
Dummheit. Empfinden kann selbst das Vieh,
beurteilen nicht.

Wie es immer noch Leute gibt, die da
meinen, wenn sie Worte hören, müsse sich
dabei etwas denken lassen, so fehlt es auch
nicht an solchen, die glauben, ein Kenner
sei ein Mann, der etwas kenne, wisse, ver-
stehe. Dieses nun ist ein großer Irrtum.
Ganz im Gegenteil wird derjenige Kenner
immer der tüchtigste sein, dessen Sinn am
wenigsten mit dem Ballast des Wissens und
Verstehens belastet ist. Nein, die wahre
Kennerschaft besteht einzig im Besitze und
Gebrauche gewisser Redensarten, als welche
sozusagen das Rotwälsch, die Gaunersprache
des Kenners ausmachen. Diese Redensarten
muß man kennen, dann ist man ein Kenner.

Ein bei den Laien sehr verbreiteter Irrtum
ist, daß sie meinen, es gebe etwas feststehend
Schönes. In Wirklichkeit gibt es hier wie
überall eine Mode, die sich beständig ändert.
Was unsere Väter schön fanden, verlachen
wir jetzt und was wir jetzt bewundern, wer-
den unsere Kinder verspotten.

Eine allererste und oberste Regel des
Kenners ist, daß er tadelt, was die Allgemein-
heit lobt. Dieser Grundsatz ist so überaus
wichtig, daß man ihn als das Alpha und
Omega der Kennerfiebel bezeichnen kann.
Der Kenner muß sich dadurch auszeichnen,
daß er anders urteilt als der große Haufen.
Es ist klar, daß man durch das Lob die
Überlegenheit des Künstlers anerkennt, wäh-
rend der Tadel andeutet, daß der tadelnde

Kenner dem getadelten Künstler über-
legen ist.

Ein Kenner, welcher selber malt oder
modelliert, ist gar kein Kenner mehr, son-
dern nur noch ein Dilettant. Das ist das
schrecklichste, was es geben kann.

Kurz: die Kennerschaft besteht in weiter
nichts als in der Anwendung gewisser Phrasen
und Wörter.

Um diese Kunst zu erleichtern, werden
im zweiten Teile des genannten Büchleins in
alphabetischer Ordnung vielleicht mehr als 100
Schlagwörter, meistens in französischer Fassung,
mitgeteilt und zur Anwendung empfohlen.

Kann es noch eine größere Verhöhnung
des Publikums geben? Eine Widerlegung der
aufgestellten Grundsätze wird kaum jemand
versuchen, wenn er auch annimmt, daß der
Verfasser aus Ernst und Überzeugung ge-
schrieben hat.

Eine gesunde Kritik wird auch bei einem
Kunstprodukt ähnlich wie bei einem Buche
nach einem Inhalte suchen und darnach
sein Urteil abgeben. Es ist frivol, zu sagen,
alle Bilder taugen nichts, deren Inhalt man
mit Worten wiedergeben könne. Sodann
kommt bei jedem Kunstwerke auch die Form
(Technik) in Betracht. In dieser Beziehung
sind die Gesichtspunkte verschieden, je
nachdem es sich um ein Gemälde oder
eine plastische Gestalt oder um ein Musik-
stück handelt. Außer Inhalt und Form
können bei jedem Gegenstande noch die
Geschichte, der Stoff, der sittliche Charakter,
der materielle und praktische Wert in Er-
örterung gezogen werden. Man sage also
nicht, die Kunstkritik habe gar keinen ob-
jektiven Maßstab, sondern hänge nur von
dem Geschmack des einzelnen ab.

München. Andreas Schmid.

Unsere Künstler und das öffentliche Leben.

V.

ICffi

un sei noch in Kürze des weiteren
Punktes gedacht, der die Gediegen-
heit des Werkes betrifft. Eigent-
lich ist diese Forderung im ge-
wöhnlichen Leben eine so selbstverständliche,
daß man durch deren Erwähnung fast anzu-
stoßen befürchten müßte, wenn nicht die
Mitteilungen in den eingangs angezogenen

„Düsseldorfer Neuesten Nachrichten"
hierzu nötigten.

Der Künstler wie der Erwerber werden
wohl der gleichen Hoffnung leben, daß dem
Bilde ungemessene Dauer beschieden sei,
ersterer, weil er sein besseres Selbst gleich-
sam im Bilde geopfert hat und mit allen Fasern
seines Herzens daran hängen wird — der
andere, weil er seine Wünsche darin verwirk-
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