Zeitschrift für christliche Kunst — 19.1906

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1906.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. !).

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werden verlötet; dies entspricht in der Regel
dem früheren Zustande, dann aber erleichtert
das Unterlassen gänzlicher Verzinnung die
Vornahme etwaiger kleiner Ausbesserungen.
Das zum Löten notwendige Einölen bringt
infolge der Ausbreitung des Öles über das
Glas die Patina scheinbar zum Schwinden;
die Felder erhalten ein unangenehm frisches,
nüchternes Aussehen, ein Mangel, der durch
Abwaschen mit Spiritus oder Benzin leicht
zu heben ist.

Diese Grundsätze genügen zur Instand-
setzung alter Glasgemälde; in unvorhergesehe-
nen Einzelfällen mögen unwichtige Abweichun-
gen notwendig erscheinen, welche alle aufzu-
zählen überflüssig sein dürfte. Der kundige
Meister wird eben von Fall zu Fall urteilen
und der ihm gestellten Aufgabe gerecht werden.

Noch einige andere Denkmäler sind in
Limburg vorhanden. Im bischöflichen Diözesan-
Museum stehen vier Tafeln des XIV. Jahrb.,
eine Geißelung, eine Kreuzigung, ein Wappen-
feld mit dem Bilde eines Wickelkindes im
Schilde, eine Tafel von seltener Farbenkraft,
und die eigenartige Darstellung des h. Johannes
(Abb. 4), welcher auf grün-weißer Scheibe das
Bildnis des Fleisch gewordenen Wortes trägt.
Ewangelista, die nämliche Schreibweise liest
man, wenn ich mich recht erinnere, auf dem
romanischen Glasgemälde zu Plattling in
Niederbayern.

Ein Fenster der ehemaligen Franziskaner-,
derzeitigen Stadtkirche vereinigt ursprünglich
nicht zusammengehörige Tafeln, geschmack-
volle Grisailmuster, eine Kreuzigung unter
Baldachin, Engel und Heiligengestallen des
XIV. Jahrh., in langgestreckten Medaillon-
Umrahmungen, meist durch beigeschriebene

Namen bezeichnet, zwei von ihnen aufGrisail-
grund. Anmutige Bordüren verdienen Nach-
ahmung; ein Wappen in Grau und Gold trägt
die Jahreszahl 1739.

Über den Ursprung der Zeichnung des
Fensters der St Anna-Kirche hat sich bisher
nichts feststellen lassen. Was das Verhältnis zwi-
schen Zeichner und Glasmaler während der Früh-
zeit anbetrifft, darüber gedenke ich abweichend
von den bisherigen landläufigen Anschauungen
demnächst in dieser Zeitschrift zu berichten.
Die vielumstrittene Vermutung, daß die Biblia
pauperum und das Speculum humanae sal-
vationis der Glasmalerei als Vorbilder gedient
haben könnten, hat unlängst unanfechtbare
Bestätigung gefunden durch die verdienstvolle
Arbeit des Pfarrers Julius Lutz zu Mülhausen
im Elsaß,11) die, im vorigen Heft dieser Zeit-
schrift, Sp. 253, besprochen, baldigst durch ein
großes Bilderwerk vervollständigt werden soll.

Durch Nebeneinanderstellung der Bilder
einer aus Schlettstadt stammenden, einst dem
dortigen Johanniterhause gehörigen Handschrift
des Speculum humanae salvationis mit den
Glasgemälden der alten Stephans-Kirche zu
Mülhausen, Schöpfungen der zweiten Hälfte des
XIV. Jahrb., bringt Lutz den augenscheinlichen
Nachweis engster Zusammengehörigkeit beider
Bilderreihen; nur hat der Glasmaler es treff-
lich verstanden, sich durch ungleich tüchtigere
Arbeit auszuzeichnen. Vielleicht gelingt es
glücklicher Forschung einheimischer Kunst-
kenner, durch Vergleiche mit frühgotischer
Buchmalerei für das Limburger Glasgemälde
ähnliche Beziehungen zu entdecken.

Linnich. Heinrich Oidtmann.

n) Jules Lutz, »Les verrieres de l'ancienne
eglise Saint-Etienne ä Mulhouse.« 1906.

Unsere Künstler und das öffentliche Leben.

IV.
ringen wir tiefer in das die Kultur
| bestimmende Geistesleben der die
Eycksche Zeit einleitenden Periode,
dann zeigt sich, daß die rastlos
Ringenden und zum höchsten Aufstreben-
den mit einer fast unwiderstehlichen Macht
zum Guten und Schönen hingezogen wur-
den. Und dieser Einblick läßt dazu deut-
lich erkennen, wie es gekommen ist, daß
van Eyck seinen dargestellten Figuren und

Handlungen landschaftliche Gründe gab, ihn
zum Freilichtmaler und vollendeten Koloristen
machten. Gedenken wir doch der Schilde-
rungen in unserer reichen mittelhochdeutschen
Poesie, dann erscheinen van Eyck und seine
Gefolgschaft nur als unübertroffene Künstler-
interpreten dieser duftreichen, mildbeleuchteten
Frühlingslandschaften. Die hierzu erforder-
liche Tonung: den Schmelz und die Klarheit
wiederzugeben, mußte er aber die Mittel
zurückgewinnen, über die — nach Mitteilung
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