Zeitschrift für christliche Kunst — 19.1906

Seite: 321
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Abhandlungen.

Wiener Grubenschmelz des XIV.
Jahrhunderts.

$&Kf<t (Mit li Abbildungen.)

ielc von denen, die mit
• der Herkunftsbestimmung
; kunstgewerblicher Denk-
| mäler sich befassen, wer-
I den schon die Schwierig-
i keiten empfunden haben,
die häufig und hartnäckig
dieser Aufgabe sich ent-
gegenstellen, sobald man
es mit frühgotischen Arbeiten aus der ersten
Hälfte des XIV. Jahrh. zu tun hat. Es ist
damals die Herrschaft des französischen Stils
im Kunstgewerbe, insbesondere in den figür-
lichen Darstellungen, eine so intensive und
weitreichende gewesen, daß man oft genug
darauf verzichten muß, allein aus stilistischen
Merkmalen irgendwelche sicheren Anhalts-
punkte zur engeren Ortsbestimmung zu ge-
winnen. Daß für ein so hochstehendes Meister-
werk der frühgotischen Goldschmiedekunst,
wie den sogen. Osnabrücker Kaiserpokal, um
nur ein Beispiel aus vielen herauszugreifen,
bisher nicht einmal eine Vermutung über
seine Heimat gewagt worden ist,1) obwohl
doch dieses Stück in seinem Bilderschmuck
und Schmelz werk greifbare Kriterien genug
zu bieten scheint, das ist ganz bezeichnend
für die Dunkelheit, die noch über der Ge-
schichte des Kunstgewerbes dieser Epoche lastet.
Diese Unsicherheit mag, als einen Beitrag
zur Aufklärung, den nachfolgenden Versuch
rechtfertigen, eine wenn auch kleine Gruppe
frühgotischer Goldschmiedearbeiten nicht nur
wegen ihrer engsten stilistischenVerwandtschaft
untereinander, sondern auch auf Grund der
ihnen gemeinsamen Technik des Gruben-
schmelzes zusammenzustellen und sie mit
Hilfe einer urkundlichen Nachricht als die
Erzeugnisse einer künstlerisch hervorragend
leistungsfähigen Wiener Werkstatt fest-
zulegen.

Es erscheint zunächst seltsam, die Heimat
ungewöhnlich geschickt gearbeiteter Gruben-

') J. Lessing, »Gold und Silber«, S. 49.
Falke und Frauberger, »Deutsche Schmelz-
arbeiten des Mittelalters , S. 134.

' schmelzwerke in einer Gegend zu suchen, die
i gerade für dieses Verfahren jeglicher Werk-
stattüberlieferung entbehrte.

Denn das steht wohl außer Zweifel: An
der Herstellung des romanischen Kupferemails,
wie es an der Maas und am Rhein, in Limoges
und in Niedersachsen geschaffen worden ist,
war die österreichische Goldschmiedekunst so
gut wie gar nicht beteiligt. Daß die Kloster-
neuburger Chorherren vor dem Jahre 1181,
also zur Zeit der höchsten Blüte der Schmelz-
kunst an der Maas und am Rhein, einen
fremden Künstler aus dem fernen Verdun
geholt haben, das braucht zwar gegen die
Existenz eines gleichzeitigen Emailbetriebs in
Wien noch gar nichts zu beweisen. Denn
derselbe Meister Nicolaus von Verdun ist un-
mittelbar nach der Vollendung seines Kloster-
neuburger Hauptwerkes in Köln tätig gewesen,
obwohl diese Stadt damals bereits seit zwei
Künstlergenerationen der bedeutendste Sitz
der Grubenschmelzarbeit in Deutschland war.
Entscheidend aber fällt zu Ungunsten einer
österreichischen Schmelzindustrie in romanischer
Zeit ins Gewicht, daß die Kirchenschätze des
Landes nur solche Denkmäler dieser Kunst
besitzen, die sich als auswärtige Erzeugnisse
bekannter Gattungen erweisen lassen. Die
landläufigen Arbeiten von Limoges finden sich
unter anderem in den Kirchenschätzen von
Prag, Klosterneuburg, St. Florian, St. Paul,
Salzburg, Tepl, St. Wolfgang, Kremsmünster;
vier Schmelzplatten einer Maaswerkstatt besitzt
St. Stephan in Wien;2) die Hildesheimer
Werkstatt ist in österreichischen Kirchen ver-
treten durch das Scheibenkreuz auf emaillier-
tem Fuß zu Kremsmünster,8) durch einen
Reliquienkasten im Stift Volau4) und durch
eine Platte im Linzer Museum. Von nach-
weislich österreichischer Arbeit oder auch nur
von unbestimmbarer Herkunft ist nicht ein
Stück vorhanden.

Das läßt nur den Schluß zu, daß man in
Österreich die romanische Schmelzkunst nicht
geübt hat. Und trotzdem erwuchs in Wien
aus einem vollkommen traditionsloscn Boden

2) Abgeb. >Mitt. der Zentralkommission*, 1858.
III. T. XII.

s) Abgeb. ebenda, 1861 VI. T. II.

«) Abgeb. ebenda, 187:1 XVIII, S. .'(03, Fig. b.
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