Zeitschrift für christliche Kunst — 19.1906

Seite: 71
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1906. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 3.

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Ein Reliefbild der Kaiserin Agnes im St. Ulrichsmuseum in Regensburg.

(Mit 2 Abbildungen.)

u Anfang des Jahres 1905 wurde
in Regensburg an der Nordostecke
der alten Römermauer zum Zwecke
der Straßenerweiterung ein Haus
niedergelegt. Bei dieser Gelegenheit trat ein be-
merkenswertes Stück jenes römischen Mauerzuges
wieder zutage, das seitdem offen gehalten wird.
Zu gleicher Zeit stieß man auf bauliche Reste
einer St. Georgskapelle, deren Geschichte sich
im Dunkel frühmittelalterlicher Zeit verliert.
Sie war unmittelbar an die Außen-
seite der Römermauer angelehnt
gewesen und hatte sich bis in die
Tage der Säkularisation in kirch-
lichem Gebrauche erhalten. Für
weitere Kreise mag nicht ohne
Interesse sein, daß bei dem
gleichen Anlaß eine leider ver-
stümmelte Reliefdarstellung ge-
funden wurde, die eine Inschrift
auf der Rückseite des Bildwerks
mit der Kaiserin Agnes, der Ge-
mahlin Heinrichs III., in Be-
ziehung bringt. Über den Fund
hat zunächst die Tagespresse be-
richtet und aus ihr gingen auch
vereinzelte Notizen in wissenschaft-
liche Organe über. Eine Re-
produktion des Bildwerks wurde
bisher nicht veröffentlicht. Indem
ich hier eine solche vorlege,
glaube ich den Interessenten
einen Gefallen zu erweisen und
möchte eine Beurteilung des
Gegenstandes durch weitere Kreise ermöglichen.
Der Stein (Kalkstein), welcher in dem ab-
gebrochenen Haus als Werkstück gedient hatte,
ist 0,62 m hoch, 0,18 m dick und an der
weitesten Stelle 0,2C m breit. Er zeigt in
Hochrelief den Torso einer Frauengestalt, die
leider nur bis zur Höhe der Hüften hin er-
halten ist. Hier ruhen die Arme und Hände,
eng an den Körper angelegt, auf. Von den
Armen aus senken sich weite, fast bis zu den
Knien reichende Ärmel herab. Welche Aufgabe
der Meister des Reliefs den Händen zuge-
wiesen hatte, läßt sich nicht mehr bestimmen.
Das besäumte Obergewand erstreckt sich bis
zu den beschuhten Füßen, welche auf einem

Abb.

schräg anlaufenden Sockelchen ruhen. Über
den Ärmeln ist noch ein aufliegendes Gewand-
stück, wohl der Rest eines Schleiers sichtbar.
Daß wir es hier mit einer archaistischen Arbeit
zu tun haben, ist keinen Augenblick zweifel-
haft. Einen Anhaltspunkt zu bestimmterer
Datierung bieten die weiten Ärmel, die
nach dem Zeugnisse zahlreicher Buchillustra-
tionen im XI. und XH.Jahrh. in Mode waren.1)
In jene Zeit nun fallen für Regensburg die
ersten Regungen plastischer Tätig-
keit in der mittelalterlichen Ära.
Das reich gezierte Portal der
Schottenkirche von St. Jakob aus
dem XII. Tahrh. und drei bekannte
Reliefs am Portal der Abteikirche
von St. Emmeram halten die
Kunstweise jener Periode fest.
Letztere, eine sitzende Christus-
figur und die stehenden Gestalten
des hl. Emmeram und Dionysius,
sind durch eine Inschrift datiert.
Sie werden der Regierungszeit
des Abtes Reginward (1048 bis
10C4) zugewiesen.2) Mit den
stehenden seitlichen Bischofs-
figuren nun verbindet das neu
aufgefundene Bildwerk eine un-
verkennbare Ähnlichkeit und sti-
listische Verwandtschaft. Hier wie
dort begegnet die gleiche Um-
rahmung der Figur, das nämliche
schematische Aufruhen der Füße
auf einem schrägen Sockel. Die Ge-
wandung fällt flach an den Gliedern herab und
schließt sich so straff an sie an, daß jeder
Gedanke an eine mögliche Bewegung aus-
geschlossen bleibt. Nur seitlich gegen den
Reliefgrund hin ist bei den Bischofsfiguren
und dem weiblichen Bildnis der Versuch ge-

1. Reliefbild der Kaiserin
\gnes. (Vorderseite.)

>Das häusliche Leben der
, (München und Berlin

') Vgl. A ScliulU
europäischen Kulturvölker«
1903) S. 229.

2) Die Inschrift: Abba Reginwardus Hoffort ('=hoc
fort) jussit opus läuft um das Medaillonbild des
Stifters der Figuren, Abt Reginward von St. Emmeram.
Das Medaillon ziert den Sockel des Salvatoneliefs.
Eine Abbildung der Emmeramer Portalbilder findet
sich Endres, »Das St. Jakobsportal in Regensburg«
und Honorius Augustodunensis (Kempten 1903) S. 4L
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