Zeitschrift für christliche Kunst — 19.1906

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1906. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 4.

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Statuette ist, daran besteht, wie ein Vergleich
der Abbildung der Wipperfürther mit derjenigen
der Werler beweist, kein Zweifel. Alle Eigen-
tümlichkeiten dieses letzteren kehren auch bei
dem Wipperfürther Bild wieder, der Thronsessel
mit seinen Lehnen, das Obergewand Marias,
die eigenartige Haltung der Arme und Hände,
der Apfel in der Rechten, das Jesuskind mitten
vor Maria, die gekreuzten Beine des Kindes,
die zum Segen erhobene Rechte, das Buch auf
dem linken Knie, nur ist der Stil des Ganzen
entsprechend der späteren Entstehungszeit der
Kopie ein etwas anderer geworden. Der Kopist
hat bei allerTreue den stilistischen Anschauungen
seiner Zeit Rechnung getragen. So hat er das
Haar kräftiger ausgebildet, die Umsäumung des
Kopfdurchlasses am Oberkleid Marias, weil
außer Mode, fortgelassen, dem Kinde eine Art
von Perlenschnur um dem Hals gelegt, die runden
Pfosten des Thronsessels in kantige verwandelt
und die Falten derber und eckiger herausgebildet.
Aber bei allem dem ist die Wipperfürther
Statuette unverkennbar eine getreue Nachbildung
des alteren Werler, vordem Soester Bildes.

Was die Zeit anlangt, der man die Kopie
zuzuschreiben haben wird, so liegt es auf der
Hand, daß an eine Entstehung der letzteren
zwischen 1530 und 1661 nicht zu denken ist,
da damals die Verehrung des Bildes in der
Wiesenkirche aufgehört hatte und dieses ver-
schlossen in einem Winkel sein Dasein fristete.
Aber auch nach 1661, d. i. nach Übertragung
des Originals und nach dem Wiederaufleben
der Andacht kann die Wipperfürther Statuette
nicht angefertigt sein. Sowohl der Stil des Bildes
wie die ursprüngliche Polychromie desselben
spricht entschieden gegen eine solche Annahme.

Es ist nicht der Stil des Originals, welcher
der Nachbildung eignet, sondern ein späterer,
jedoch noch gotischer Stilcharakter, eine der-
artige Umstilisierung ist aber für den Ausgang
des XVII. Jahrh. undenkbar. Noch weniger
paßte die ursprüngliche Polychromie in diese
Zeit. Man wird daher wohl nicht fehlgehen,
wenn man die Herstellung der Wipperfürther
Statuette in das Ende des XV. oder den Beginn
des XVI. Jahrh. setzt.

Übrigens kann ich noch auf eine zweite
Kopie des Werler Bildes hinweisen. Als ich
vor etlichen Jahren, also ehe ich von der
Herkunft des vordem in meinem Besitz befind-
lichen Bildes etwas wußte, gelegentlich zu Soest
war, gewahrte ich zu meiner großen Über-
raschung in der Wohnung des Küsters von
St. Patrokli eine mit der Wipperfürther ganz
übereinstimmende Statuette, nur daß diese mir
etwas kleiner zu sein schien als ihr Gegenstück
zu Wipperfürth. Die Sache erregte mein leb-
haftes Interesse, doch konnte ich mir damals
die Ähnlichkeit der beiden Bilder nicht ge-
nügend deuten. Ob diese zweite Kopie noch
vorhanden ist, vermag ich nicht zu sagen.3)
Luxemburg. Jos, Braun S. J.

3) Daß das Kopieren von Gnadenbildern nicht
erst der neuesten Zeit angehört, beweisen auch die
Nachbildungen des Gnadenbildes von Altötting in
dem K. Bayrischen Nationalmuseum zu München.
Zahlreich sind auch die Kopien, welche von den
Gnadenbildern zu Foy und Scherpenhövel in Belgien
im Anfang des XVII. Jahrh. angefertigt und vor allem
durch die Bemühungen der Jesuiten weithin verbreitet
wurden. Einzelne derselben geben die Originale
ziemlich gut wieder, andere aber sind stilistisch so
umgestaltet, daß man von ihnen nur mehr auf ein
gotisches Original raten kann.

Bücherschau.

Die a 1 t c h r i s 11 i c h e n Skulpturen im Mu-
seum der deutschen Nationalstiftung am Campo
Santo in Rom, untersucht und veröffentlicht von
Dr. Joseph Wiltig, Priester der Diözese Breslau,
Kaplan am Campo Santo. Festschrift zur Silber-
hochzeit des deutschen Kaiserpaares, herausgegeben
vom Priesterkollegium am Campo Santo. Supple-
ment der Römischen Quartalschrift. Rom 1906.
Typographia Polyglotte. In Kommission von Herder
in Freiburg. (Preis 15 Mk.)
Dali im Museum des Campo Santo die altchrist-
lichen Gegenstände vorwiegen, hat seinen Grund, wie
in den lokalen Verhältnissen so in den Studien und

Bestrebungen seiner Hüter. Und daß wiederum in
ihm die altchristliche Marmorplastik durch 70 Exem-
plare vertreten ist, wird verständlich durch den Um-
stand, daß der Sammeleifer großer auswärtiger Museen,
wie privater Liebhaber sich auf solche, zumeist frag-
mentarische Ausbeute weniger erstreckt. -— Um so
verdienstvoller ist deren Bergung, zumal wenn sie in
das volle Licht gründlicher und geschickter Prüfung
gerückt werden, die vorwiegend ikonographischer Art
ist. — Von ihr geht die vorliegende Monographie in
Kolio aus, die von sämtlichem Bildwerk vortreffliche
pbotographische Aufnahmen in hinreichenden Dimen-
sionen bietet und sie nach 5 Gruppen ordnet, näm-
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