Zeitschrift für christliche Kunst — 19.1906

Seite: 225
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Abhandlungen.

Kopien berühmter niederländischer

Porträts des XV. Jahrh.

auf rheinisch-westfälischen Altartafeln

des XVI. Jahrh.

(Mit Tafel V und 1 Abbildung.)

Im Besitze des Grafen Landsberg-
Velen befindet sich eine An-
betung der heiligen drei Könige,
die zuletzt auf der Düsseldorfer
Ausstellung vom Jahre 1904 ausgestellt war.
Das Tafelbild war früher schon bekannt, be-
sonders durch den Umstand, daß der Maler
dieses Bildes dem ältesten der Könige den
Kopf des van Eyck'schen Mannes mit den
Nelken aufgesetzt hat. Nicht als
Stifter ist der Mann mit den Nelken
hier dargestellt, denn er war sicher-
lich schon lange tot, als der Sip-
penmeister das Bild malte, sondern
der Maler hat dieses Porträt ledig-
lich deshalb übernommen, weil es
ihn künstlerisch offenbar außer-
ordentlich interessierte.

Diese Sitte steht nicht verein-
zelt da. Auf derselben Ausstellung
befand sich das Pfingstfest der Sammlung
Wesendonk, das dem Jan Joest zugeschrieben
wird. Hier erscheint als einer der zwölf
Apostel ein Mann, der sich auf den ersten
Blick in Tracht und Haltung, besonders aber
durch seinen Kopf von den andern Aposteln,
die alle einen gemeinsamen Typus haben,
unterscheidet. Dieser Kopf (Abb. 1) ist eine
Kopie des vor wenigen Jahren vom Berliner
Museum erworbenen Porträts eines feisten,
bartlosen Mannes, das dem Meister von
Flemalle zugeschrieben wird

Noch ein drittes im Berliner Museum be-
findliches Porträt des XV. Jahrh. hat auf
einem Altarbilde Verwendung gefunden. Es
ist das Bildnis eines Ritters vom Goldenen
Vließ, das aus der Sammlung der Marchesa
Coccapane in Modena stammt. (Kaiser
Friedrich-Museum Nr. .525 D.) Dieser Ritter
steht rechts unter den Zuschauern auf einem
Gemälde des Kölner Wallraf-Richartz-Museums
von der Hand eines unbekannten westfälischen

Abb. 1.

Meisters vom Anfang des XVI. Jahrh. Das
Bild (Tafel V) stellt eine Episode aus der
Reise des hl. Bernhard nach Deutschland dar,
wo er den Kreuzzug predigte. Es ist der in der
„Vita S. Bernardi auctore Gaufrido" erzählte
Moment, wie im Dom zu Frankfurt Kaiser
Konrad III. im Begriff steht, den vom Volke
umringten Heiligen auf seinen Schultern aus
dem Gedränge herauszutragen.1) Während
der Mann mit den Nelken und das Bildnis
des Meisters von Flemalle Portiäts uns un-
bekannter Persönlichkeiten darstellen, ist der
Ritter mit dem Goldenen Vließ bereits von
James Weale mit Hülfe des „Recueil de
Portraits" der Stadtbibliothek zu Arras (Ms.
Nr. 266) indentifiziert worden. Es ist Balduin
von Lannoy,2) genanntder„Stamm-
ler', Herr von Molembaix, Gou-
verneur von Lille (geb. 1386 oder
1387, gest. 1474).

Auffallend ist, daß alle drei

Altarbilder mit den Kopien der

genannten Porträts dem Kreise

der niederrheinisch - westfälischen

Schule angehören und aus den

ersten Jahrzehnten des XVI. Jahrh.

stammen Daß die Maler dieses

Kreises gerade die Porträts van Eyck's und

seiner Zeitgenossen der Nachbildung für wert

hielten, beweist, daß diese damals ebenso

1) Mon. G. SS. XXVI, p. 115.

2) Näheres über die Persönlichkeit Balduins von
Lannoy in »The Burlington Magazine« vom Juli 1904,
James Weale: Portrait of Balduin de Lannoy by
John van Eyck. Dort auch Abbildung der Zeichnung
der Arraser Porträtsammlung. »Das Mausolee de la
Toison d'or«, Amsterdam, Desbordes 1689 (ohne
Angabe des Autors) teilt die Grabschrift des in der
Kirche von Solre le chästeau (nord) vor dem grollen
Altar mit seiner zweiten Gemahlin Hadrianna von
Berlaymont begrabenen Ritters mit: )tCy (/ist noble
Chevalier Baudoin de Lannoy dit le Beyyue, seir
gneur de Molembaix et de l.annoy qui trespassa eii
Van 1474. l'ar de la lez luy yist noble Dame
Adrienne de Berlaymont /irritiere de solre le

ehaetenu $a tri» ohere compagnt qui trespassa l'an

de yrace 1439 le penultieme d'avril.

Priez dieu pour les Arnes."

Ebendort die Grabschrift seiner ersten Gemahlin
Maria Frau von Melles, die in Fremicourt begraben lag:

,fiy yi*t noble Dame Marie de Melles, Cancmrt
et heritiere de Dolhaim, qui fust Dame et epouse de
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