Zeitschrift für christliche Kunst — 19.1906

Seite: 163
Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zchk1906/0116
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
163

1906. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 6.

164

Gesichtern die jüngsten Enkel der Familie zu
bezeichnen, während der Gottvater umgebende
Halbkreis dieSeelen der bereits heimgegangenen
Kinder darstellt. — Der große Teppich verleiht
der anmutigen Szene eine besondere Harmonie
und Feierlichkeit, die auf den Boden, nach
alten Vorbildern, sporadisch gestreuten Blumen
passen vortrefflich in diese Stimmung.

Auf den beiden Flügeln sind die Familien-
glieder übersichtlich gruppiert in andächtiger
Verfassung, die in der Haltung wie in den
Physiognomien Ausdruck gewinnt; hinter
dem Vater der Stammhalter, die drei letzten
in der Reihe als Schwiegersöhne. Die Kostüme,
obwohl modern, sind ebenfalls der Stimmung
ganz angepaßt.

Die beiden Patrone der Eltern: Papst Felix
und Diakon Laurentius (der Mutter Laura)
sind mehr statuarisch, aber doch aktiv, den
Gruppen eingegliedert, als Standfiguren nicht
nur den Hintergrund belebend, sondern auch
geschickt zum Mittelbilde überleitend. — An
den markanten Stellen des letzteren, also an
der Tiara des himmlischen Vaters, an den
Nimben und Gewandsäumen von Maria und
Joseph, kommt die plastische Pastentechnik
in sehr dekorativer Weise zur Geltung. —
Die punziertcn Goldgründe wie des Mittel-
bildes mit seinem Eichenlaub, der Flügel mit
ihren Wein- und Efeuranken sind von un-
gemein feiner Wirkung, durch ihren milden
Glanz zur Feststimmung wesentlich beitragend.
Auf der Rückseite der Flügel erscheint in

gotischer Goldschrift auf blauem Grund die
Chronik der Familie: die Aufzählung sämt-
licher Mitglieder, der lebenden wie der ab-
geschiedenen. Der Rahmen ist rot gestrichen
mit vergoldetem Profil und blauer Hohle.

Das hier vorgestellte Flügelgemälde mag
den nur von modernen Eindrücken erfüllten
Augen anfangs etwas befremdlich erscheinen,
aber von dem Standpunkt aus, daß es ein
Votiv-, ein Andachtsbild sein soll, wird ihm
auch für unsere Tage die Berechtigung nicht
beanstandet, zugleich der Vorzug guter Kom-
postition, Zeichnung, Durchführung nicht ab-
gesprochen werden können. — Daß das ganze
Mittelbild etwas weich gestimmt, wie eine Art
von Vision erscheint, dürfte seinem Zwecke
durchaus entsprechen, die harmonisch fließende
Gewandung diesen Charakter bestätigen, wie
der Engelkranz unten und oben. — Daß die
Flügelgruppen, obwohl ihre Gesichter offenbar
auf photographischen Aufnahmen beruhen,
durch die Art der Zusammenstellung, durch
die etwa dunkle Tönung, durch die Identität
des punzierten Goldgrundes, zum Mittelbilde
passen, mithin alles symphonisch zusammen-
klingt, wird nicht verkannt werden können. —
Freilich würden die modernen Maler die Fi-
guren in Stellung und Ausdruck freier be-
handeln und dadurch die Abrundung steigern,
aber nur wenigen dürfte es gelingen, selbst
bei sorgsamster Ausführung, die Einheitlich-
keit zu erreichen, die Hauptvoraussetzung Rü-
den Gesamteffekt. Schnütgen.

Zur Entstehungsgeschichte der Sixtinischen Wandfresken,

I.

ie Baugeschichte der weltberühmten
Sixtinischen Kapelle ist für uns
merkwürdigerweise in ein undurch-
dringliches Dunkel gehüllt. Im
Mai 1473 war die alte Palastkapelle noch in
Gebrauch. Ein 1477 verfaßtes Lobgedicht auf
Sixtus IV. (bei Pastor, Päpste II, S.G89 Anm. 2,
3. und 4, Auflage 1904) verrät uns, daß der
Papst eben „intra divi sacra ipsa palatia Petri"
ein „pulchrum praestansque sacellum" baute,
und es schmeichelt dem großen Rovere, daß
er in dem neuen Heiligtum, wenn es einmal
nach den Plänen seines erleuchteten und hoch-
sinnigen Gründers vollendet und ausgeschmückt

(Mit 4 Abbildungen.)

sei, sich ein Denkmal ohnegleichen gesetzt
habe. Aus diesen beiden Tatsachen schließt
man, daß der Bau in dem durch kirchliche
Denkmäler aller Art ausgezeichneten Jubiläums-
jahr 1475 begonnen wurde. Am Feste Maria
Himmelfahrt (15. August) 1483 wurde die
Sixtina der in den Himmel aufgenommenenGottes-
mutter geweiht.1) Das ist alles, was wir wissen.
Betreffs der herrlichen und tiefsinnigen
Freskomalereien, womit Sixtus das neue Gottes-

') Es war dies freilich keine feierliche Kirchen-
weihe. Eine solche fand bei der Sixtinischen Kapelle,
einem Privatoratorium, für welches eine bloße Seg-
nung genügte, wohl überhaupt nicht statt. Wenigstens
erwähnt Jacob von Volterra, welcher den Gottesdienst
vom 15. August 1483 ziemlich ausführlich bespricht
loading ...