Zeitschrift für Geschichte der Architektur — 3.1909/​10

Seite: 149
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Chronik. 149

banden. Die Westwand der Gella war dicker als
die anderen, wohl weil sie von der großen Tür
durchbrochen war. Teile von drei Säulenbasen
des Peristyls sind noch erhalten. Die «Basis»
wurde nach Fertigstellung der Cellamauern in
die Achse des Tempels gelegt, ihre Ecken mit
verworfenen Marmorquadern gefestigt, jetzt 5X4 m.
Mitten durch den Tempel lief ein Abzugskanal
nach der Westwand unter der Türschwelle durch;
mußte also im Innern etwas unter freiem Himmel
sein? Der verwandte Marmor stammt aus dem
Kaystertal. An zwei Säulentrommeln noch Ver-
satzmarken, z. B. 6. Trommel der 15. Säule; der
Stein mit Wachs behandelt; von Farben fanden
sich Kobaltblau und häufiger Rot, auch Gelb und
Dunkelrot. Die Säulenbasen in der profilierten
Ausbildung des Torus variierend, teilweise sogar
nicht ganz ausgearbeitet, eine Reihe mit dem
jonischen Kymation am Torus; auch die Schäfte
verschieden, meist 44 Kanneluren, einige weniger;
die Kapitellreste mit manchen Neuheiten. Die
gefundenen Ziegelfragmente lassen auf ein niedri-
ges Dach schließen. Die Sima war mit einem
Relieffries geschmückt, der, von Löwenspeiern
unterbrochen, 330 m lang war, die Giebelschrägen
eingerechnet; seine Darstellung, inhaltlich un-
bekannt, zeigt in den wenigen Bruchstücken
Ähnlichkeiten mit dem Knidierfries von Delphi.
Auf Grund dieser Reste und der Angaben des
Plinius (127 Säulen) wagt der Architekt A. E.
Henderson eine neue Rekonstruktion, S. 281 —292,
Taf. XII-XV.

Thermos: G. Kawerau und G. Soteria-
des, Der Apollotempel zu Thermos. Antike Denk-
mäler II, Heft 5, Taf. 49—53 A; S. 1 — 8. Der
alte Tempel des 6. Jahrhunderts, der an der Stelle
eines noch älteren aus dem 8./7. Jahrhundert steht,
ist nach Zerstörung des Oberbaues durch Brand
Ende des 3. Jahrhunderts unter Beibehaltung des
völlig archaischen Grundrisses wieder aufgebaut;
er war ein Peripteros, 38X12 m, von 15:5
Säulen, durch eine mittlere Säulenstellung in
zwei Längsschiffe geteilt; das Gebälk, in das die
Metopen aus bemalten Tonplatten eingezapft waren,
bestand aus Holz, dessen sichtbare Teile kaum
mit Tonkästen verkleidet, sondern bemalt waren ;
das Epistyl aus zwei nebeneinander liegenden
Holzbalken; die Triglyphen aus Holz oder Ton;
die Wände aus Lehmziegeln. Die Deckziegel aus

Tonplatten tragen tönerne Antelixe, Frauen-,
Männer- und Silensmasken; wichtig sind eine
Reihe Antefixe, die von Walmdächern stammen.
Die Sima weist nach Korinth. Tafel 49: Grund-
riß und Gebälkrekonstruktion von Kawerau.
50—52 A: die bemalten Metopen und — Frag-
mente, 53—53 A: die Stirnziegelfragmente.

Athen: G. Kawerau, Eine jonischc Säule
von der Akropolis zu Athen. Archäol. Jahrb.
XXV, 197—204; ein Werk gleichzeitig mit der Ty-
phonkunst, aus der ersten Zeit des 6. Jahrhunderts.

Chronik.

Heinrich Freiherr von Geymüller,

geboren in Wien am 12. Mai 1839,
gest. in Baden-Baden am 19. Dez. 1909.

Von Julius Kohte.

Wieder ist einer der Pfadfinder und Meister in
der Erforschung der Geschichte der Baukunst, ein
Mann, der dieser Wissenschaft sein ganzes Leben
mit seltenem Erfolge widmete, dahingegangen,
Heinrich Freiherr von Geymüller. Deutscher der
Abstammung nach, genoß er einen europäischen
Ruf, war er auch in Italien und der Schweiz, in
Frankreich und England geachtet und bekannt.

Als Bauingenieur in Paris gebildet, bezog
Geymüller 1860 die Berliner Bauakademie, um
sich der Architektur zu widmen; dort wurde er
einer der ältesten Schüler Friedrich Adlers. Zwei
Reisen nach Italien führten ihn frühzeitig zur
Baugeschichte, insbesondere auf das Studium der
Handzeichnungen der großen Architekten Italiens
aus dem 16. Jahrhundert, einem Sondergebiete,
dessen bester Kenner er werden sollte. Wissen-
schaftlicher Tätigkeit sich widmend, frei von be-
ruflichein Zwange, nahm er seinen Wohnsitz ab-
wechselnd in Paris, Lausanne und Baden-Baden.

Im Jahre 1868 ließ Geymüller seine erste
Schrift erscheinen, Notizen über die Entwürfe zu
S. Peter in Rom, in denen er über seine For-
schungen betreffend die architektonischen Hand-
zeichnungen der Uffizien in Florenz berichtete;
es war eine Voranzeige seines großen Werkes
über die Peterskirche. 1870 folgte eine zweite
gleichartige Schrift über drei architektonische
Zeichnungen Rafaels, die Vorhalle und das Innere
des Pantheons und den Grundriß der Gapella
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