Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 4.1909

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IX.

Der ästhetische Gegenstand.

Eine phänomenologische Studie.

(III. Raumkunst.)

Von

VValdemar Conrad.

Nachdem wir in den beiden früheren Artikeln das Wesen der soge-
nannten »phänomenologischen« Deskription dargelegt und mittels dieser
Methode den »ästhetischen Gegenstand« im Gegensatz zu dem
»wirkenden Kunstwerk« und dem »Ding« der Naturwelt auf dem Ge-
biete der zeitlichen Künste abgegrenzt haben, stehen wir jetzt vor
der Aufgabe, die Durchführbarkeit der entsprechenden Abgrenzung für
die Raumkünste zu zeigen.

Bei der angewandten Kunst ist eine solche Scheidung so nahe-
liegend, wie bei den zeitlichen Künsten. Bei einer Tapete beispiels-
weise trennt man leicht und ganz naturgemäß das Muster »an sich«,
im Sinne der künstlerischen Idee, von der »Ausführung« desselben,
ebenso wie man »die Symphonie« oder »das Drama selbst« von seiner
»Aufführung« unterscheidet. — Aber diese leichte Trennbarkeit beruht
im Grunde auf etwas Äußerlichem, Zufälligem, nämlich darauf, daß
die Person des Erfindenden und Ausführenden eine verschiedene zu
sein pflegt und daß anderseits dasselbe Muster meist in vielfachen
Exemplaren realisiert wird. Aber wenn der kunstgewerblich erfindende
Künstler seine Idee auch selbst und nur ein einziges Mal ausführt,
wie der Bildhauer seine Statue, so ist deshalb ein solches Kunstwerk
sicherlich nicht ein andersartiges, und die Trennbarkeit von Muster
und Ausführung ist nicht aufgehoben. — Es ist also schon hiernach
ersichtlich, wie auch bei den »freien« bildenden Künsten eine solche
Abscheidung eines ästhetischen Gegenstandes, als eines idealen, der
Realisation erfährt, möglich sein muß, sofern wir nur die rein-ästhe-
tische Geisteshaltung einnehmen, die wir früher beschrieben haben.

Wir schicken der Besprechung der ästhetischen Gegenstände selbst,
wie bei den anderen Künsten, eine kurze Besprechung der primitivsten
Elemente voraus, die dieselben zu konstituieren scheinen.
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