Zeitschrift für christliche Kunst — 19.1906

Seite: 257
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Abhandlungen.

Über die Instandsetzung alter Glas-
malereien.

(Mit 1 Abbildungen.)

I. Die Glasgemälde der Hospitalkirche
zu Limburg an der Lahn.

fls obersten Grundsatz hat unsere
verdienstvolle Denkmalpflege
in Deutschland die Losung
aufgestellt: „Erhalten!"
Über das „Wie" gehen aller-
dings die Meinungen aus-
einander; auch auf dem Ge-
biete der Glasmalerei sind
die Ansichten zuweilen schwankend und un-
klar. „Diejenige Restauration ist als die voll-
kommenste zu bezeichnen, die bei Verbesse-
rung aller wesentlichen Schäden doch
nicht als Erneuerung in die Erscheinung tritt." *)
Diesen Satz unterschreibe ich Wort für Wort.
Die kürzlich erfolgte Wiederherstellung
eines hervorragenden Denkmals der 1320er
Jahre, welches nach vorsichtiger Reinigung
und sachkundiger Ergänzung nunmehr in ur-
sprünglicher, durch die Einwirkung mäßiger
Patina noch gesteigerter Farbenpracht die
ehemalige Wilhelmiter-, derzeitige Hospital-
kirche sub tit. S. Annae zu Limburg an der
Lahn ziert, bietet unmittelbare Veranlassung,
an die Beschreibung des wertvollen Fenster-
mosaiks einige Betrachtungen über die Be-
rechtigung sachverständigerWiederherstellungs-
arbeiten anzuknüpfen.

Es ist mehr als ein Jahrzehnt verflossen,
seitdem ich das Hauptchorfenster der ge-
nannten Kirche in sehr gefährdetem Zustande
angetroffen hatte. Ein mir damals in sichere
Aussicht gestellter Auftrag zur Wiederherstellung
geriet in Vergessenheit, bis eine zufällige Be-
sichtigung vor ungefähr Jahresfrist die unab-
weisbare Notwendigkeit schleunigster Instand-
setzung ergab. — Die Glasfüllung des drei-
teiligen Chorfensters befand sich in gar
schlimmer Verfassung. Es wäre eine unver-
antwortliche Unterlassungssünde gewesen, hätte
die Stadtverwaltung länger teilnahmslos zu-
gesehen. Nur wenige Jahre würden genügt

') »Die Denkmalpflege in der Rheinprovinz.•
Dr. P. Clemen (1896) S. 6.

haben, das alte Denkmal endgültiger Ver-
nichtung zu überantworten.

Die Felder, wüst und kümmerlich geflickt,
paßten nicht einmal in die Fächer des Stein-
werks; mit allen nur erdenklichen Hilfsmitteln
hatte man versucht, klaffende Spalten und
Lücken auszufüllen; die Windruten waren
durch Holzstäbe ersetzt. Die Reihenfolge
der Bilder war sinnlos durcheinander geworfen;
ein Feld, die Schöpfung der Tiere und der
Vögel, ein gestreckter Sechspaß auf rot-gelbem,
blauverziertem Quadergrund (Abb. 2), gehörte
der Farben gebung zufolge nicht hierher, son-
dern wahrscheinlich in das Fenster der Evan-
gelienseite, weil die Chorfenster einst das
ganze Glaubensbekenntnis zur Darstellung
gebracht haben sollen. Im übrigen war das
Glas derart mit einer Schmutzkruste bedeckt,
daß man beim besten Willen von der viel-
gepriesenen Farbenpracht alter Glasmalerei
keine Spur zu entdecken vermochte. Ver-
einzelte rote, grüne, blaue, gelbe Lichtpunkte
ließen ahnen, was aus dem Fenster heraus-
zuholen war, wenn man die störenden hellen
Gläser, welche als einstweiliger Verschluß mit
Kitt und Mörtel aufgeklebt waren, ersetzte
und die unzähligen schwarzen Lappen auf-
hellte. Von den Konturen war nur wenig
mehr zu erkennen; die Köpfe und die nackten
Teile, mehrfach zersplittert, waren dunkle
Flecken. Nicht einmal als Ruine durfte man
dieses Glasfenster malerisch nennen.

In den Dreipässen der Bekrönung, teilweise mit
nicht hierher gehörigen bemalten Glasscherben unter-
mischt, Maßwerkmusterung, weiße Streifen, blaue
Fischblasen, rote Vierblätter. Oben auf gelber Scheibe
ein blauer Schild, der weiße Buchstabe überragt von
gelber Krone. Der weiße Doppeladler auf schwarz
gedecktem Schild ist umrahmt von tiefroter Scheibe.
Das weiße, grau damaszierte Schwerterwappen deckt
eine gelbe Scheibe, die schwarzen Sparren in gelbem
damasziertem Felde ruhen auf einer tiefroten.

Die drei Eckblätter der seitlichen Pässe sind
samt Stengeln gelb, die übrigen grün auf roter
Unterlage. Der ungemusterte Vierpaß wirkt durch
sein feuriges Rot.

Die Gesichter und die nackten Teile sind aus
rötlichem oder gelblichem Glase hergestellt. Dem
leicht rötlichen Gesicht des Salvators sind orange-
gelbe Haare angebleit. Die h. Maria trägt gelben
Nimbus, weißes Kopftuch, hellblaues Unter- und
gelbes Obergewand, Johannes rotvioletten Schein,
hellgelb angebleites Haar, blauviolettes Unter und
hellblaues Obergewand.
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