Winghardt, Stefan [Editor]; Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege [Editor]; Institut für Denkmalpflege [Editor]; Puppe, Josefine [Oth.]
Arbeitshefte zur Denkmalpflege in Niedersachsen: Archäologie und Informationssysteme: vom Umgang mit archäologischen Fachdaten in Denkmalpflege und Forschung — Hameln: Niemeyer, Heft 42.2013

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Archäologie und Informationssysteme

Zur Arbeit mit Zeitstufen und Kulturgruppen -
„reine Lehre" und praktische Umsetzung
Otto Mathias Wilbertz

Beim Aufbau von Datenbanken und Informationssys-
temen für die Archäologie spielte von Anfang an die
Benutzung von feststehenden Begriffen und Formu-
lierungen eine große Rolle. Dies erleichtert entschei-
dend die Suche nach vergleichbaren Inhalten, zum
Beispiel nach einer bestimmten Quellengattung, nach
einem Denkmaltyp oder nach einem Epochenbegriff.
Wir sprechen von einfachen Wertelisten, wenn
Begriffe vorgegeben sind, die benutzt werden dürfen
(andere Begriffe sind nicht zulässig), aber nicht durch
definierte (zum Beispiel hierarchische) Relationen
zueinander charakterisiert sind. Bei einem Thesaurus
handelt es sich um eine Sammlung von Begriffen, die
miteinander in Beziehung gesetzt sind. Bei einer
Ordnung in Oberbegriffe, die Unterbegriffe umfassen,
handelt es sich um einen hierarchischen Thesaurus.
Gehört ein Unterbegriff zu mehreren Oberbegriffen,
so sprechen wir von einem polyhierarchischen The-
saurus. Einen polyhierarchischen Thesaurus erreicht
man zum Beispiel mit objektorientierter Programmie-
rung. Zu den klassischen Anwendungsfällen von
Thesaurierung gehört die Klassifizierung von Datie-
rungsangaben. Dies lässt sich am Feld „Grob-
datierung" des Datenaustausch-Standards ADeX
(Version 1 und 2) zeigen. Die dort definierte Werte-

Unbekannt
Erdgeschichte
Vorgeschichte
Steinzeit
Paläolithikum
Mesolithikum
Neolithikum
Metallzeit
Bronzezeit
Vorrömische Eisenzeit
Frühgeschichte
Römische Kaiserzeit
Völkerwanderungszeit
Mittelalter/Neuzeit
Mittelalter
Neuzeit
1 Begriffe der Werteliste für das ADeX-Feld
„Grobdatierung", angeordnet nach Ebenen.

liste kann als Ausgangspunkt eines Thesaurus be-
trachtet werden, zur Verdeutlichung werden die in
der Werteliste enthaltenen Begriffe entsprechend
ihrer Bedeutung in unterschiedlichen Ebenen ange-
ordnet (Abb. 1).
Für die folgenden Zusammenhänge werden die Be-
griffe „Epoche", „Periode", „Phase", „Zeitstufe"
zunächst als gleichbedeutend betrachtet. Ebenso
werden „Kultur", „Kulturgruppe" und „...-Gruppe"
als Synonyme verstanden.
Fragt man nach dem Unterschied zwischen Zeitstufe
und Kulturgruppe, so scheint die Antwort ganz ein-
fach: eine Zeitstufe bezeichnet Phänomene, die einem
bestimmten Zeitabschnitt zugeordnet werden kön-
nen. Der Ausdruck Zeitabschnitt weist bereits darauf-
hin, dass es sich um einen Teil einer größeren Einheit
handelt, dass es also ein Davor und/oder ein Danach
geben muss. Eine Kultur(gruppe) bezeichnet ein
Ensemble von Phänomenen, das einem bestimmten
regionalen Rahmen zugeordnet werden kann.
Betrachtet man das Verhältnis der beiden Gliede-
rungskonzepte zueinander, so muss man feststellen,
dass in einer Zeitstufe mehrere Kulturgruppen neben-
einander vorkommen können. Umgekehrt kann eine
Kulturgruppe mehrere Zeitstufen umspannen. Dies
würde dafür sprechen, Zeitstufen und Kulturgruppen
als zwei eigenständige Attribute zu behandeln und
zwei Thesauri vorzuhalten oder zu entwickeln.
Doch so einfach, wie oben angedeutet, ist die Sach-
lage nicht: Eine chronologische Gliederung und ihre
einzelnen Zeitstufen haben einen bestimmten Gültig-
keitsbereich, außerhalb dessen eine andere Stufen-
gliederung anzuwenden ist. Das heißt, die Gliederung
bezieht sich auf einen regionalen Rahmen, auch wenn
dieser noch so weitreichend ist. Und eine Kulturgrup-
pe hat nicht nur einen Bezug zum Raum, sondern
auch einen Anfang und ein Ende, das heißt: einen Be-
zug zur Zeit.
Die Entwicklung der verschiedenen Fachdatenbanken
und Fachinformationssysteme in der Archäologie voll-
zog sich bisher meist von kleinen, einfachen Anwen-
dungen hin zu größeren, komplexeren („bottom-
up"); am Anfang stand nicht das theoretische
Konzept, sondern die praktische Anwendung. Dem-
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