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Badische Fundberichte: amtl. Nachrichtenbl. für die ur- u. frühgeschichtl. Forschung Badens — 18.1948/​1950

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https://doi.org/10.11588/diglit.42247#0060

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W. Kimmig

E6

Die Höhle von Cravanches ist eine typische Bestattungshöhle. Nach A. Giory
(a. a. O. 168) sind bis jetzt mindestens vierzig Skelettgräber aufgefunden wor-
den. Wahrscheinlich würde sich die Zahl bei gründlicher Durchforschung noch
erhöhen. Die Toten liegen in den natürlichen Einmuldungen des Höhlen-
bodens; oft sind sie von Steinen umpackt. Die übliche, wenn auch nicht aus-
schließliche Lage ist SW-NO. Der Kopf liegt sowohl im Westen wie im Osten.
Die Toten waren einzeln und in Gruppen bestattet, über ihre Bettung ist
nichts gesagt. Es bleibt unklar, ob es sich um Hocker oder um gestreckte Ske-
lette gehandelt hat. Über die öfters in der Nähe der Toten gefundenen Brand-
reste, die Giory als mögliche Überbleibsel kultischer Totenmahlzeiten ein-
gehend diskutiert, ist schwer etwas auszusagen. Bei den doch sehr unsicheren
Grabungsbefunden möchten wir solche Reste zunächst lieber als die Spuren
eifriger Benutzung der Höhle deuten.
Eine sehr wichtige Frage ist, ob in Cravanches mehrere und wenn ja, weiche
Kulturgruppen bestattet haben. Die meisten Skelette scheinen beigabenlos ge-
wesen zu sein. Fand sich Tonware, so gehörte sie ausschließlich der Rössener
Kultur an. Dreimal trat der Kugelbecher auf, zweimal eine drei- bzw. vler-
henklige Flasche mit Randkerben, die (entgegen A. Giory) nicht zur Pfahlbau-
feemeint ist Michelsberg), sondern ebenfalls zur Rössener Kultur gehören
muß 10). Verwandtes bietet etwa A. Stroh (a. a. O. 65 und Taf. 25 und 27) oder
W. Buttler (Handbuch 24 Abb. 16, 1—6; 45 Abb. 21, 1—3). Der Typus als solcher
wurzelt in der Bandkeramik und ist von Rössen übernommen worden. Fla-
schen gibt es auch im Michelsberger Kreis (z. B. Buttler, Handbuch Taf. 18, 8),
jedoch fehlen ihnen stets die Henkel und die typische Rössener Randkerbung.
Die weitmündigen Töpfe aus Cravanches (Abb. 7, 5. 7) werden dem Typus
nach mit Formen wie Stroh (a. a. O. 43 Typentaf. 4 n oder 25 Abb. 1, 11. 17;
26 Abb. 2, 6) Zusammenhängen.
Neben der Tonware gibt es in Cravanches reiche Schmuckketten aus Muschel-
und Gagatperlen sowie Hirschgrandein. In einem Falle wenigstens ist mit
einer solchen Kette ein Kugelbecher gefunden worden, womit die Zugehörig-
keit solcher Ketten zu Rössen hinreichend gesichert erscheint. Ketten dieser
Art verzeichnet A. Stroh (a. a. O. 78) im übrigen aus dem gesamten Rös-
sener Bereich. Überraschend in dem sonst so geschlossenen Inventar wirken
die beiden großen Scheibenringe aus Serpentin, die in der gleichen Gruppe
von Skeletten lagen, die auch Rössener Keramik erbracht hat (Abb. 7, 1—2).
Zeit und Kulturzugehörigkeit solcher Ringe, die zu einer großen Gruppe sicher
westeuropäischer Erscheinungen gehören, ist noch immer umstrittenu). Man
hat sie mit guten Gründen meist dem spätesten Neolithikum zugeschrieben,
ohne allerdings ausreichende Beweismittel dafür zu besitzen. Sollten sie in
Cravanches — etwa als Importgut — zum Rössener Komplex gehören, so wäre
dieser unter Umständen innerhalb des Neolithikums recht spät anzusetzen. Zu
erwähnen bleibt endlich ein Scherben mit gereihten Tunnelösen (flute de Pan),
der in Cravanches ebenfalls fremdartig wirkt und der irgendwie mit der nicht

io) So auch V. v. Gonzenbach, die Cortaillodkultur in der Schweiz (Monographien
zur Ur- und Frühgesch. d. Schweiz 7 (1949) 17.
u) Zuletzt R. Lais in: Jahrb. Schweiz. Ges. Urgesch. 38, 1947, 103 ff. — Vgl. auch
Abbe Philipp in: Bull. Soc. Normande, d’Etudes prehistoriques 26, 1925/26, 69 ff.
— eine ausführliche Studie über die kulturelle und zeitliche Stellung der Schei-
benringe hat der Verf. selbst in der Festschrift für Joseph Sauer vorgelegt (noch
ungedruckt).
 
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