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Badische Fundberichte: amtl. Nachrichtenbl. für die ur- u. frühgeschichtl. Forschung Badens — 18.1948/​1950

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https://doi.org/10.11588/diglit.42247#0348

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344

B uchbesprechungen

dazu kam, „etwas grundsätzlich anderes zu tun als das Tier, und wie sich das voll-
zog“. Denn mit den Werkzeugen werden völlig neue Verrichtungen möglich. Das
Werkzeug ist eine Erfindung. Diese ist nicht das Produkt der Not oder des reinen
Spieltriebes oder des Zufalls, sondern gründet in der Fähigkeit zum Entdecken und
in der Freude am Schaffen. Diese Einsicht in Möglichkeiten, die der Urmensch zu
verwirklichen strebt, erfordert Begabung, innere Überlegenheit und die Begegnung
mit dem Geschick.
Mit der Entstehung des Menschen als Naturwesen ist irgendwie seine Grundhaltung
als Kulturträger verknüpft. Um die Urform der Kultur zu erkennen, muß die „Ur-
konstante des Menschlichen“ gefunden werden. Wenn auch nicht direkt materiell
nachweisbar, läßt sie sich doch aus dem Fundmaterial erschließen; denn mit Feuer,
Werkzeug und Gemeinschaftsarbeit sind die Bereiche von Sprache, Kult und Be-
stattung eng verknüpft.
Vom Urmenschen unterscheidet sich der Frühmensch wesentlich durch die Kunst.
Über die Darstellungsart verschiedener Phasen des Jungpaläolithikums sagt er
S. 190: „Im Aurignacien steht das Lebewesen vor uns, wie es uns begegnet, im
Magdalenien, wie es lebt“. Der vereinzelt nachgewiesene Jagd- und Fruchtbarkeits-
zauber hat mit dem Ursprung der Kunst als solcher nichts zu tun. Auch die Stil-
entwicklung liegt nicht in der Magie begründet. Damit befreit der Verf. die Dar-
stellungen von all den hemmenden Deutungen, durch die sie von Anfang an in ihrer
Aussagekraft gefesselt waren und stellt sie sozusagen in das offene Feld vorurteils-
freier Untersuchungen.
Um das Eigentümliche der paläolithischen Kultur im Gesamten zu zeigen, schildert
Kraft die ganz andere Lebensweise des Neolithikers und seine völlig neue Ein-
stellung zur Welt. Nun tritt an Stelle der aneignenden Wirtschaft die erzeugende.
Das Bauerntum schafft ein neues Weltbild, es ist die Grundlage zu vielseitigen so-
zialen Strukturen, Erfindungen und Kulturen.
Nachdem so der Sinn für das Urtümlich-Menschliche geschärft ist, wagt es der Verf.,
nach der Sprache des Urmenschen zu fragen. Sie ist nicht materiell nachweisbar,
doch fordern Gemeinschaftsjagd und das Herstellen und Verwenden von Werkzeugen
ein Verständigungsmittel, eine Sprache. Wie Werkzeug, Kunst, Sprache jeweils in
das Leben des Menschen getreten sind, läßt sich vorerst wissenschaftlich nicht er-
gründen. In den Geräten sind die Sinnbezüge erkennbar, die der Mensch gesetzt hat.
Werden diese Sinnbezüge untersucht, dann gewinnen wir ein Verfahren, um das
geistige Wirken des Urmenschen zu erkennen wie auch jene Verhaltensweisen, die
Sprache voraussetzen.
Der Ursprung von Werkzeug, Kunst, Sprache ist ein Ur-Sprung, ein „plötzlicher,
wesentlicher Durchbruch, dem eine reiche, arbeitsvolle Entwicklung folgt“. Ein
„göttlicher Funken“ hat den Urmenschen entzündet. Der „schöpferische Urvorgang“,
die Quelle des Stromes menschlicher Geschichte ist verschwunden, aber wenn die
ältesten Werkzeuge und Spuren des Menschen in dem vom Verf. gezeigten Vorgehen
untersucht werden, können sie bis nahe an die Quelle führen.
In der geplanten 2. Auflage hätte Kraft wohl den „Bärenkult“ des alpinen Mou-
steriens, die Knochenritzungen von Wyhlen, die „Getreidedarstellungen“ und die
„verstümmelten Hände“ nach den neuesten kritischen Arbeiten in anderer Weise
eingebaut.
Wie die Urmenschenfunde der letzten Jahre und die Untersuchungen Portmanns,
der das Spezifisch-Menschliche im Organischen lehrt, zeigt auch diese Arbeit von
Kraft in all seiner Fülle, daß wir mit der Frage nach unserem Ursprung noch ganz
im Anfang stehen.
Das Buch ist eine Fundgrube von Anregungen und Ansätzen. Die ungeheure Auf-
gabe meistert der Verf. nicht nur durch die gründliche und lebendige Schilderung
der Fakten aus der Altsteinzeit, dem Leben der Wildbeuter und der modernen
Technik; sondern neben all dem reichhaltigen Wissen liegt der besondere Reiz des
Buches in der Dramatik, mit der das Ringen des Verf. spürbar wird um die Er-
kenntnis des Schöpferischen im Urmenschen. Elisabeth Schmid
Robert Lais: Die Höhle an der Kachelfluh bei Kleinkems im Badischen Ober-
land. Eine Jaspisgrube und Grabstätte der Jüngeren Steinzeit. Mit Beiträgen
von R. Bay und H. G. Stehlin. 88 S., 48 Abb. Freiburg i. Br., Urban-Verlag, 1948.
 
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