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Badische Fundberichte: amtl. Nachrichtenbl. für die ur- u. frühgeschichtl. Forschung Badens — 18.1948/​1950

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https://doi.org/10.11588/diglit.42247#0105

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Eine klassizistische Fortuna-Terrakotte aus Murg

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tung einer weiblichen Gestalt mit Füllhorn und caduceus (Heroldsstab) auf
einem der Attika-Reliefs des Konstantinbogens in Rom aus der Zeit Marc-
Aurels als Fortuna wird von M. Wegner35a) mit guten Gründen bestritten.
Seinen Gründen wäre hinzuzufügen, daß diese Fortuna m. W. die einzige For-
tuna ohne Steuerruder im Bereich der höfisch bestimmten Großplastik wäre.
Wahrscheinlicher ist die thronende Göttin auf der Rückseite des Manlius-
Altars aus Caere im Lateran-Museum in Rom aus claudischer Zeit35b) als
Fortuna anzusprechen. Die Göttin sitzt auf einem reichverzierten Thron, der auf
einem felsigen Postament steht. In der Linken hält sie ein Füllhorn, in der
ausgestreckten Rechten eine Opferschale. Diese Abzeichen rücken die Göttin
in die Nähe der Fortuna der soeben besprochenen beiden Fresken; dazu würde
gut passen, daß die Stifter des Altars die dient es des C. Manlius, also wohl
im wesentlichen Leute niederen Standes waren. So gehört auch diese Göttin
— gleich ob unter dem Namen der Fortuna verehrt oder nicht — dem hel-
lenistisch-östlich bestimmten religiösen Bereich des kleinen Mannes der Kai-
serzeit an. Er durfte sich nur auf der Rückseite des Altars äußern, während
die Vorderseite und beide Nebenseiten Darstellungen aus dem römischen
Staatskult bringen.
In diesem Zusammenhang sind nunmehr die wenigen Fortuna-Terrakotten
mit dem Füllhorn westlicher Herkunft zu stellen, die sämtlich stilistisch auf
klassische oder hellenistische Vorbilder zurückgehen, wie etwa die schon er-
wähnte thronende Tyche aus Köln (s. Anm. 5) und die stehende Fortuna mit
Füllhorn aus dem Quellheiligtum von Hochscheid im Hunsrück (Ldkrs. Bern-
kastel)30). Ihnen schließt sich jetzt die Murger Statuette mit Szepter und Füll-
horn an. Die Verbindung beider Abzeichen, deren Deutung innerhalb der bild-
lichen Überlieferung des Westens einige Mühe bereitet hatte, kommt in Grie-
chenland in zwar nicht zahlreichen, aber kennzeichnenden Beispielen vor. So
stammt aus dem 2. oder frühen 1. Jhdt. v. Chr. ein Athener Münzbild mit Tyche
mit Szepter und Füllhorn37), wobei an die der Gemeinde ihren Segen ge-
währende Stadt-Tyche zu denken ist. Auf ähnliche religiöse Vorstellungen und
entsprechende Wiedergaben im Bild gehen letztlich die oben aufgeführten kai-
serzeitlichen Münzbilder mit weiblichen Figuren mit Szepter und Füllhorn
zurück, gleich welche kaiserzeitliche Personifikation ihnen unterstellt wurde,
und desgleichen natürlich auch die vorhin zusammengestellten „uneigentlichen“
Fortuna-Münzbilder ohne Steuerruder und ihre Vorbilder, die mit ähnlichen
Abzeichen des Segens und der Fülle ausgestattet sind.
Ebenfalls in der Funktion der segenspendenden Stadt-Tyche erscheint Tyche
endlich auf einem aufschlußreichen Zeugnis aus der kaiserzeitlichen Plastik
Athens, auf dem die glückverheißende Seite ihres Wesens, wie bei der Murger
Statuette, durch die Symbole des Füllhorns und des Szepters charakterisiert
wird. Gemeint sind die beiden Frauenfiguren der Reliefplatten III und IV des

35a) M. Wegner, Arch. Anz. 53 1938 180.
36b) w. Helbig, Führer durch d. Museen Roms (3. Aufl.) II Nr. 1177; G. Niebling,
Forsch, u. Fortschr. 26, 1950, 148 ff. m. Abb. 5.
8e) Germania 25, 1941, Taf. 16, 9. — Auf Mischbildungen, wie die bei W. Deonna
(Genava 18, 1940, 178 Abb. 33) wiedergegebene Tyche-Athena aus Nordafrika mit
Füllhorn, Ägis, Schild und Mauerkrone auf dem Helm, oder auf die geflügelte
Tyche-Nike auf einem Münzbild (ebda. 178 Abb. 34) mit Füllhorn und Palmzweig
kann hier nur hingewiesen werden.
37) Brit. Mus. Catal. of Greek Coins, Attica (1888) 51 Nr. 393.
 
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