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Badische Fundberichte: amtl. Nachrichtenbl. für die ur- u. frühgeschichtl. Forschung Badens — 18.1948/​1950

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https://doi.org/10.11588/diglit.42247#0140

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136

A. Dauber

suchung der Wirtschaftsgeschichte des Mittelalters hat aber in einer Änderung
der Wirtschaftsstruktur die entscheidenden Gründe dafür aufdecken können,
weshalb gerade in einem bestimmten Zeitraum und vornehmlich in Gebieten
geringer Ergiebigkeit die meisten Siedlungsabgänge eingetreten sind 23).
So einfach sich die Verhältnisse bei den alten Gemarkungen darstellen, die von
den Tälern her in die Hochfläche vorstoßen, so verwirrend und undurchsichtig
erscheinen die Vorgänge, die angenommen werden müssen, wenn man von der
ehemaligen Verteilung der Siedlungen zum heutigen Gemarkungsbild eine
Verbindung sucht. Sie sollen in allen Einzelheiten hier auch gar nicht unter-
sucht und geklärt, aber immerhin so weit angedeutet werden, daß die Technik
der frühdeutschen Besiedlung nach Grundsatz und Erfolg mit den früheren
Zeitstufen vergleichbar wird. Dort hatte die Respektierung der Eigenart des
Karstgebietes zu langsamem, aber dauerndem Geländegewinn geführt, zumal
sich in seine unmittelbare Nähe nur der römische (und vielleicht vorrömisch-
keltische) Einzelhof gewagt hat, der auch von einem lokalen Wasservor-
kommen leben konnte. Die frühdeutsche Besiedlung hat zu ihrem Nachteil auf
die Einhaltung dieser Grundsätze, die ihrem Wesen und ihrer Struktur fremd
waren und in ihrer historischen Situation nicht zur Geltung kommen konnten,
verzichtet. Die Folgen sind in großen Zügen hier sichtbar geworden, in Form
eines langdauernden Prozesses wiederholter Umsiedlung, stetiger Umschichtung
der Besitzverhältnisse und mehrfacher Umformung der Gemarkungen als Sied-
lungseinheiten. Dieser Vorgang ist im Lauf des Mittelalters mit dem heutigen
Bild der Gemarkungsverteilung zu einem vorläufigen Stillstand gekommen, der
jedoch keineswegs einen tragbaren Gleichgewichtszustand bedeutet. Im Ge-
markungsbild verdeutlicht diesen vorläufigen Stillstand der Entwicklung die ge-
radlinige Ostgrenze der Gemarkung Göbrichen und ihre Fortsetzung nach Nor-
den, die in ihrer Lage fast in der Achse des Karststreifens prägnant die kritische
Linie des ganzen Raumes hervorhebt. Damit aber entstanden für die einzelnen
Orte Entfernungsverhältnisse, die bei der Gemenglage unserer Gemarkungen
die Wirtschaftlichkeit der Nutzung schwerstens belasten.
Erst das 18. Jahrhundert hat mit der Rückkehr zu dem in diesem Raum schon
einmal bewährten Hofsystem diese Schwierigkeiten gemeistert. Die im Karst-
gebiet entstandenen großen Siedlungslücken werden heute von drei Höfen, dem
Katharinentaler, dem Karlshäuser und dem Heimbronner Hof nach rationellen
Grundsätzen des Großbetriebs in zusammenhängenden Flächen bewirtschaftet.
Damit könnte dieser siedlungsgeschichtliche Rückblick abgeschlossen werden,
wenn er nicht auch einen Ausblick in die Zukunft und auf sehr aktuelle Gegen-
wartsprobleme eröffnete. Vor den Folgen einer Nichtbeachtung natürlicher
Siedlungsgesetze ist auch das 20. Jahrhundert nicht sicher. Das Mißlingen des
Siedlungsunternehmens am Nordrand des Hagenschieß (Hagenschießsiedlung
1921) hätte leicht vorausgesehen werden können, wenn statt Ertragsflächen-
berechnungen die Siedlungsgeschichte des Gebietes zugrunde gelegt worden
wäre. Sicherer als der Rechenschieber des Siedlungsplaners gibt das Ergebnis
eines mehrtausendjährigen Versuchs Auskunft über die einem Raum angepaßte
Siedlungsform. Die Versuche sind abgeschlossen. Ihre Ergebnisse liegen vor
und sind leicht zu ermitteln. Neue Experimente sind überflüssig, da sie
zwangsläufig nach den alten Gesetzen des Raumes enden müssen, sie sind
unverantwortlich, weil Menschenschicksale ihre Objekte sind.
Karlsruhe Albrecht Dauber

23) W. Abel, Die Wüstungen des ausgehenden Mittelalters, in: Quellen und Forschun-
gen zur Agrargeschichte, hrsg. v. G. Franz und F. Lütge Bd. I (1943).
 
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