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Badische Fundberichte: amtl. Nachrichtenbl. für die ur- u. frühgeschichtl. Forschung Badens — 18.1948/​1950

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https://doi.org/10.11588/diglit.42247#0185

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Eine Dorfanlage des frühen Mittelalters bei Merdingen

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Fuchs usw. sind durch keinen einzigen Knochen vertreten, obwohl sie im Mit-
telalter in der Rheinebene lebten. Offensichtlich haben die Dorfbewohner
nicht gejagt. Sie waren wohl reine Bauern und Viehzüchter.

V.
Zusammenfassung und Schluß.
Die Ausgrabung des größten Teiles der durch militärische Geländeveränderun-
gen oberflächlich freigelegten Siedlung von Merdingen erbrachte trotz mancher
ungünstiger Faktoren einen Einblick in die bäuerliche Siedlungsweise im süd-
westdeutschen Raum während des frühen Mittelalters, wie wir ihn in diesem
oder auch geringerem Außmaß bisher bei uns nirgends erhielten.
Die siedlungskundliche Bearbeitung lieferte den Teil einer Dorf-
anlage. Den Hauptbestand der festgestellten Häuser bildeten die Grubenhäuser,
kleine Hütten mit etwas in den Boden eingetieften Hausböden. Diese ließen
verschiedene Haustypen erkennen: das Vierpfostenhaus, das Sechspfostenhaus
und Häuser mit z. T. trockengemauertem Fundament und darüber zu denken-
dem Schwellbau. Ein Teil dieser Anlagen erwies sich als Doppelhäuser. Herd-
stellen waren nur in wenigen Häusern vorhanden. Mehrfache Spuren von
größeren Pfostenhäusern zu ebener Erde, also ohne eingetiefte Hausgruben,
berechtigten zumal im Vergleich mit der fränkischen Siedlung in Gladbach bei
Neuwied zu der Annahme, daß auch hier zentral gelegene und von je einer
Gruppe Grubenhäuser umgebene, ebenerdige Pfostenhäuser mit Fundament-
gräbchen vorhanden waren, die infolge ihrer geringen Tiefe beim Abhub der
Humusdecke vor der Auffindung der Siedlung zerstört worden sind. Das Bild
einer dörflichen Anlage fand in den vielen Brunnen, gepflasterten Anlagen und
den zahlreichen Gräben, Rinnen und Gruben und vor allem im Vorkommen
eines gleichalten, kleinen Friedhofs seine Abrundung. Hinsichtlich der Haus-
bauweise ergaben sich Übereinstimmungen mit dem Befund der um Jahr-
hunderte älteren fränkischen Siedlung von Gladbach bei Neuwied. Die schrift-
lichen rechtsgeschichtlichen Überlieferungen der Lex Alamannorum und Baju-
varorum, sowie der unterelsässischen Weistümer des 13.— 15. Jahrhunderts
bestätigten das Ausgrabungsergebnis und führten zu dem Schluß, daß die in
Merdingen angetroffene Form der Gehöftsiedlung eine mindestens seit dem
7. Jahrhundert übliche, wenn nicht gar wesentlich ältere, wohl gemein west-
germanische Siedlungsform darstellt, die uns in unserem Gebiet erstmals bei
den Neckarsweben im 1. und 2. Jahrhundert begegnete (Mannheim, Stadtteil
Seckenheim). Einzelne Formen der Merdinger Grubenhäuser ließen sich über
weite Räume nach Norden verfolgen und zeigten deren Vorkommen als unter-
geordnete Anlagen zu ebenerdigen großen Pfostenhäusern zeitlich rückwärts
bis in die Anfänge der Völkerwanderungszeit.
Die Wirtschaftsform und Lebensweise der Erbauer des Merdin-
ger Dorfes sind als rein bäuerlich zu bezeichnen, was aus dem Fehlen von
Jagdtieren und seiner Lage auf fruchtbarem Boden (Lößlehmdecke auf Rhein-
schottern) hervorgeht. Da wir aber bisher nur einen Ausschnitt aus der Dorf-
anlage von Merdingen genauer kennen, wäre es verfrüht, aus dem lückenhaf-
ten Befund Schlüsse auf die sonstigen, vor allem gewerblichen Wirtschafts-
äußerungen zu ziehen.
 
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