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Badische Kunst: Jahrbuch d. Vereinigung Heimatliche Kunstpflege, Karlsruhe — 1.1903

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https://doi.org/10.11588/diglit.52611#0046
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DES LIEDES ENDE.

Von
ALBERT GEIGER

Eine blasse Frau sass an dem Fenster ihrer Kemenate und
schaute in das Land hinaus. Unter ihrem Fenster säuselten uralte
Bäume in der Abendluft. In gewaltigem Absturz ragte der Fels,
auf dem die Burg erbaut war, über die Stadt, die drunten sich
ausdehnte weit bis an das blaue Meer. Aus den Kaminen stieg der
graublaue Rauch zitternd in den Himmel empor, der ein letztes goldenes
Lächeln der scheidenden Sonne nachsandte. Auf den Gassen war es
lebhaft. Einzelne Handwerker, die noch den letzten Blick des Tages
benützen wollten, waren geschäftig mit Hammerschlag, mit Nadel und
Schere, mit dem Hobel und der Axt. Andere gingen mit breiten Schritten
zum Abendtrunk in die Zunftstube. Scherzende Worte flogen hin und
her. Lustige Studenten, den Hut keck auf dem Ohr, das Schwert lose
an der Seite, durchzogen, von einer Mittagswanderung heimkehrend, die
Strassen, singend oder lärmend, die Mädchen im Vorbeigehen neckend.
Die Glocken fingen an, zur Maiandacht zu rufen. Tief und hell
schwammen ihre Töne durch die Luft. Dazwischen klangen draussen
vom Meere die Lieder der Matrosen aus den Schenken und von den
Schiffen. Hoch oben im Blau gewann der Mond mehr und mehr Licht
und goss sein Silber ruhevoll über die Stadt da unten.
Die Frau oben sah das alles. Ein bitteres Lächeln kräuselte ihre
vollen Lippen.
„Wie sie sich des Lebens freuen, meine werten Untertanen!“ sagte
sie spöttisch vor sich hin. „Wer auch so behaglich und stumpfsinnig
leben könnte!“
Sie stand auf und dehnte ihre prächtigen Glieder, die in schwarzen
Sammt gekleidet waren. Sie nahm das Netz von ihrem Haar und in
goldenen Wellen rann es herab, in berückender Flut. Sie hob die Arme
empor und streckte sie aus nach einem fernen Ziel. Die weiten Ärmel
fielen zurück und liessen die schneeweissen Arme frei.
Es klopfte an der Tür. Sie gab keine Antwort. Eine Kammerfrau
trat leise ein.

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