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Badische Kunst: Jahrbuch d. Vereinigung Heimatliche Kunstpflege, Karlsruhe — 1.1903

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https://doi.org/10.11588/diglit.52611#0050
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Da stiess sie einen Wehelaut aus, der den Männern das Herz zu-
sammenkrampfte. Aus dem Munde brach ihr das Blut. Sie fiel in
die Blumen und den Klee.
„Ärmstes aller Weiber!“ sagte der Ritter mitleidig. „Soweit ist sie
gewandert, um das zu erfahren Heimlich hat sie sich aus Markes Burg
geschlichen. Tag und Nacht ist sie gewandert, ihre Schönheit der
Sonnenglut, dem Staube und der Nachtkühle preisgebend. Und nun!
Grosser Gott, wie schwer rächest du ihr Verbrechen! Geh’ auch mit
uns Sündern nicht zu streng ins Gericht! — Bleibe einer bei ihr, labe sie
mit Wein und Speise und führe sie nach Castelfer! Ihr andern aber: allez!
Sie ritten davon, dass der Staub über die Felder hinflog. Als Isolde
erwachte, sah sie den Knappen neben sich. Ihr Windspiel hatte ihr
zärtlich den Kopf in den Schoss gelegt und sah sie mit den klugen
Augen mitleidig an.
Sie sann und sann mit trockenen verzweifelten Augen. Endlich
erhob sie sich entschlossen. „Führe mich!“ sprach sie zu dem Knappen,
der sich scheu verneigte.
* *
*
Schloss Castelfer lag in der Dämmerung eines Juniabends mit seinen
Wällen, mit seinen gewaltigen runden Türmen, seinen kleinen Baikonen,
grau und düster. Nur wenige Lichter waren zu sehen. Von der Stadt
scholl verworrener Lärm herauf. Dort tanzte und sang man und weinte
man und trug Tote zu Grab. Isolde schritt durch die Dämmerung an
dem düstern See vorbei, an dem das Schloss lag. Sie fröstelte. Seit
Mittag fühlte sie das Fieber in ihrem Blut. Wenn sie angesteckt war,
durfte sie zu ihm? Aber hatte er nicht nach ihr geschrieen in wilder
verzweifelter Not?
Sie war am Tor angelangt Der Knappe verneigte sich:
„Das ist Castelfer!“ sagte er ehrerbietig. „Verstattet, hohe Frau, dass
ich mich wieder zu den Meinen geselle!“
„Ich danke euch!“ sprach sie traurig. „Ich kann euch nichts geben
denn einer Elenden Dank!“
Er verneigte sich abermals tief und ritt den Burgweg hinab.
Sie trat bis an das Tor und hob den Klopfer. Ein Fensterlein in
der Mauer tat sich auf. Ein Lichtschein fiel heraus von einer Handlaterne.
„Was wollt ihr?“ fragte ein Mann abgewandten Antlitzes.

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