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Badische Kunst: Jahrbuch d. Vereinigung Heimatliche Kunstpflege, Karlsruhe — 1.1903

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https://doi.org/10.11588/diglit.52611#0052
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„Er hat lange nichts mehr mit dir zu schaffen!“
Die Gestalt in der Türe schob sich langsam vor.
Das Windspiel trat ans Bett, schnupperte, erkannte seinen einstigen
Herrn, stiess einen heulenden Laut aus und verkroch sich am Lager.
Die beiden Frauen standen sich gegenüber. Blick bohrte sich in
Blick. Der eine voll Hass. Der andere, das einzig Lebendige in der
versteinerten Gestalt, bis ins Innerste hinabdringend, forschend wie ein
Gottesblick.
„Ist es wahr: hat er dich geliebt?“
„Frag ihn selbst!“ klang eine rauhe Stimme.
„Ist es wahr: hat er dich geliebt? War er dein eigen?“ fragte es wieder.
Und diese Augen flammten hinein in das Herz der Gefragten. Sie
verkündeten eine ganze glühende Welt von Wonne, Sehnsucht und Elend.
Und das Weib da vor Isot vermochte die Macht dieser Augen nicht
zu ertragen.
Sie liess das Haupt fallen, schlug die Hände vors Antlitz und
schluchzte.
Ihr eigenes Weh um den teuern Mann, ihre ungestillte, nie mehr
zu stillende Sehnsucht wollte sie ersticken.
Endlich sprach sie:
„Du hast gesiegt ... In der Hochzeitsnacht, da die Kämmerer ihn
entkleideten, streiften sie ihm deinen Ring vom Finger. Sein Blick fiel
auf ihn. Da war’s geschehen . . . Freue dich: nie bin ich sein Weib
worden. An seiner Seite bin ich dahingewelkt, ungenossen, ungeliebt . . .
Du — und du — — und du warst sein einziger Gedanke. Im Fieber
noch schrie er nach dir. Du hast gesiegt!“ Und wieder durchschütterte
ein Schluchzen ihren Körper.
Und sie wandte sich und schlich hinaus . . .
Da trat ein Sonnenschein, eine Sonne in Isoldens Antlitz. Und
ein Blühen ging von ihr aus wundersam ins Gemach. Die Priester
staunten sie an.
Sie schritt zur Leiche und hob den Schleier von ihrem Haupt
Da lag er, so still, so im Frieden.
„Mein Tristan!“ flüsterte sie selig.
„Mein Tristan •— Einzig, ewig mein!“
Und sie legte ihr blondes Haupt neben das seine, lächelte und starb.
So schloss die grösste Sehnsucht auf Erden das Auge für immer . . ■

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