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Badische Kunst: Jahrbuch d. Vereinigung Heimatliche Kunstpflege, Karlsruhe — 1.1903

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https://doi.org/10.11588/diglit.52611#0063
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Noch keine vollen zweihundert Jahre sind seit dem Gründungstag
dieser jüngsten unter den jungen Schöpfungen des baulustigen Absolutismus
verflossen. Und doch hat sich während des ersten Jahrhunderts ihrer
Existenz in ihren architektonischen Denkmälern ein rundes volles Stück
historischer Vergangenheit abgelagert. Es erzählt der heute lebenden
Generation bereits von einem „Alt-Karlsruhe“. So hat die geschichtsarme
Stadt wenigstens in ihrer Baugeschichte einen Rest historischer Monu-
mentalität bewahrt: gerade bei dem Mangel älterer und reicherer Kultur-
schätze ein doppelt kostbarer und erhaltenswerter Besitz. Mit ihm
fiel auch auf die Jugend dieser Stadt ein später Strahl von jenem
untergehenden Zeitalter ästhetischer Kultur, das nach einer
ununterbrochenen lebendigen Folge vom frühesten Mittelalter an, im
Rokoko- und Empirestil seine letzte grosse Lebensäusserung hervor-
gebracht hat.
Von jenem allerältesten Karlsruhe aus den Tagen der Gründung
ist freilich nicht viel mehr übrig als der Plan der ursprünglichen Stadt-
anlage: der berühmte „Fächer“ mit den neun „wie Sonnenstrahlen“
radienförmig vom Schlossturm auslaufenden Strassenzügen, absonderlich
für unsern heutigen Geschmack; so auffallend und merkwürdig, dass
die Sage um die Deutung des Rätsels angerufen wurde. Für den
Historiker aber in der zopfig zugestutzten Abstraktheit seiner mit Zirkel
und Reisschiene gezogenen Liniensymmetrie ein beredtes Zeugnis von
Geist und Stil des Zeitalters der Perücke und des Korporalstocks:
typisch wie die Gründung der Stadt selbst.
Um das Schloss hat sich dann der Kern der aus dem 18. Jahr-
hundert erhaltenen Rokokostadt gelagert. Hier weht noch heute etwas
von dem feinen Atem jener aristokratischen Kultur. Das Parfüm des
Rokoko hat sich in diesem stillen Revier noch nicht verflüchtigt. Ein
Schloss inmitten einer paradiesischen Park- und Gartenpoesie, boskett-
und blumen-parkettgeschmückte Terrassen, efeuumwachsene Parkmauern
mit halb im Grün versteckten schmiedeisernen Toren aus den letzten
Tagen des guten alten Kunsthandwerks: das alles trägt die Stimmung
einer verklungenen Welt zu uns herüber wie die träumerische Grazie
eines Rameauschen Menuetts.
Im ganzen mag die Markgrafen Stadt nicht viel mehr gewesen sein
als ein Annex des Hofes. Wenn noch heute die „Hofluft“ so bemerkbar
auf die geistige Atmosphäre der Stadt einwirkt, so drehte sich damals erst

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