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Badische Kunst: Jahrbuch d. Vereinigung Heimatliche Kunstpflege, Karlsruhe — 1.1903

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https://doi.org/10.11588/diglit.52611#0066
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sie haben Gemüt und Charakter. Sie erzählen uns etwas: von den
Tagen „als der Grossvater die Grossmutter nahm“. Man mag sonst von
jener Zeit denken, wie man will: es war doch wenigstens eine Zeit
künstlerischer Gesinnung und Persönlichkeit. Die Bauten, die
50 Jahre später entstanden, werden dagegen den Eindruck einer stummen
und trockenen Unpersönlichkeit behalten für uns und unsere Nachkommen.
Im Jahre 1826 starb Weinbrenner. Im gleichen Jahr sein Freund,
der Dichter Johann Peter Hebel. Fast zur selben Zeit verlor Karlsruhe
den bedeutendsten Vertreter seines geistig-literarischen und seines künst-
lerischen Lebens: beide durch ihre Werke mit dem Boden ihrer Heimat
gleich untrennbar verwachsen. Und doch wieder jeder auf seine
besondere Weise. Hatte der Dichter des alemannischen Liedes aus
der intimsten Berührung mit der Natur und dem Volkstum seines
Stammes den Stoff und die Eigenart seines künstlerischen Schaffens
gesogen, so war dem Architekten in Betrachtung klassischer Vorbilder
die Welt seiner künstlerischen Ideale aufgegangen. In Italien war er
zum Künstler gereift im engsten Zusammenhang mit dem antikisierenden
Zug seines Zeitalters. Aber wie einst Goethe, so hat auch er inmitten
der klassischen Eindrücke den unverwüstlichen Kern seiner deutschen
Eigenart bewahrt. Unter seinen Händen empfing das Fremde, als er
es nach der Heimat verpflanzte, heimatliches Gepräge.
Noch eine Zeit lang rieselte der Quell der von Weinbrenner aus-
gegangenen Anregungen. Dann versandete er allmählich. Erst ein
immer seichter werdendes Epigonentum. Zuletzt der völlige Abbruch
der lebendigen lokalen Tradition. Die italienische Neurenaissance hielt
ihren Einzug; mit ihr jenes abstrakte Wesen ohne persönliche Physiognomie
und gesunde Lebensfarbe, überall und nirgends zu Hause. Die „stil-
echte“ Fassade trat ihre Herrschaft an.
Wir beklagen diese Epoche, die so stolz war auf ihre eigenen
Leistungen, heute als das Beispiel eines künstlerischen Niedergangs, wie
er in diesem Kontrast zu einer gleichzeitig üppig aufschiessenden Blüte
des materiellen Fortschritts in der Geschichte der menschlichen Zivili-
sation zum zweitenmal nicht vorgekommen ist. Man suche diesen
Niedergang aber nicht im Mangel einzelner Talente — wer möchte
behaupten, dass es daran gefehlt hat! — sondern in der bis ins innerste
Mark unkünstlerischen, ja kunstfeindlichen Tendenz des ganzen Zeitalters.
Man braucht nicht zu fragen, welches die tiefem Ursachen waren. Die

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