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Badische Kunst: Jahrbuch d. Vereinigung Heimatliche Kunstpflege, Karlsruhe — 1.1903

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https://doi.org/10.11588/diglit.52611#0077
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„Ei, warum denn nicht? lachte sie, er ist doch auch ein Mann;
weil er krank ist? Vielleicht wirke ich gerade deshalb noch intensiver.“
Sie lachte plötzlich hell auf und sagte: „Wissen Sie, Sigrid, es ist
rein komisch, wie alle so grundverschieden sind und in einem Punkte
so ganz gleich“.
„Aber Frau Anje!“
Meinen Sie, Sigrid, mein sprühender Geist tuts? O nein, mein
weisser Arm, mein roter Mund, das betäubt sie alle, — und dann —
das Geheimnis!
„Was ist denn das, Frau Anje?“
„Dass ich nicht reinfalle, dass mir keiner näher kommen kann,
dass mir keiner etwas wird, und niemals etwas war — niemals! Noch
einmal heiraten? Ich danke; ist unbequem. Liebhaber? der wäre gar
eifersüchtig oder untreu — und ich bin sehr kalt, eiskalt und habe keine
Lust dazu, — gar keine — — dazu — —.“
„Sie sind kalt, Sie Frau Anje?“
„Ja ich, Sie Schäflein, und das merkt keiner; es macht mir unge-
heuer Spass, wenn einer so unruhig, so heiss wird; manchmal lasse
ich dann die Kleine kommen und herze und küsse sie; — ich weiss,
das quält. Hie und da darf mir einer die Hände küssen, und dann
wird er einige Tage nicht mehr angenommen.“
Es ist hinreissend, zu spüren, wie man mich begehrt, wie alle
Gedanken, alle Wünsche zu mir herüberströmen! — —
Manche werden müde, müde, wie wenn sie kämpfen müssten,-
und sie müssen auch kämpfen!
O Sigrid, wie amüsant ist das Leben, und bin ich nicht eine Lebens-
künstlerin?
„Ein Vampyr sind Sie, sagte ich kühl.“
„Vampyr, lachte sie, ist gar nicht schlecht, Sigrid! Gott, wissen
Sie, Sigrid, es ist riesig bequem so; und — man ist halt doch nebenbei
eine anständige Frau!“ —-

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