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Badische Kunst: Jahrbuch d. Vereinigung Heimatliche Kunstpflege, Karlsruhe — 1.1903

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https://doi.org/10.11588/diglit.52611#0092
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„Dreifach ist der Schritt der Zeit,
Mensch bedenk die Ewigkeit!“
greift der Grethmeister zum Sammetmützchen und schiebt die Brille
ins Futteral. Unter die Zahlenreihe auf der Schiefertafel hat er einen
Strich gemacht, das Fazit gezogen:
„Viel böser steht’s als ich mir vermacht hab, geahndet hat mir’s
bloss, jetzt weiss ich’s, das Haus ist nicht mehr mein! — „Mensch,
bedenk die Ewigkeit!“ — Ja da braucht’s kein Haus mehr, wenn einer
so nah dran steht, wie ich. Pfui Grethmeister, alter Narr, was willst
heulen wegen ein paar Hausteinen und Balken und derlei Kram! Ob
sie dir gehören oder einem andern, kann dir gleich sein, mitnehmen in
die Ewigkeit darfst doch nichts!
„Nein“, er senkt den Blick auf die grauen Zahlen, die sich von der
Schieferfläche abzeichnen, „nein! Aber Schrannenvogt muss dann auch
bei meinen Lebzeiten ein anderer werden. Sogar die Tafel ist ver-
schandelt, wies übrige. Wenn ich denk, dass ich sie gern tausendmal
hab vollgeschrieben: Malter Weizen — Sester Gerste — Kernen —
Mais. Eingeliefert — aufbewahrt — abgegeben! —
„O und wie meine Rechnungen aufs Tüpfli gestimmt haben! Nicht
einmal Mäuse sind mir in die Frucht gekommen. Manchem Greth-
meister macht das Geziefer viel Unlust. Wenn’s ihm Kernen wegfrisst,
kommen hintennach die Eigentümer und sagen, sie haben mehr ein-
geliefert als ihnen beim Verkauf berechnet sei.
Ich hab auch da meine Wächter, die sind treu, wie ihr Meister:
Komm Bullie, bss bss!!“
Mit trägem Gliederziehen erhebt sich ein roter Kater von der Ofen-
bank und streicht den krummen Rücken an seines Herren Bein.
„Und die andern, wo hast sie?“ fragt Jost Balthasar.
Der „Roller“ schnurrt gewaltig.
„Du, das zwirnt gehörig bei dir. Bss bss!“ lockte der Alte.
„Miau“, tönt’s draussen.
„Schau, die sind beim Geschäft, nur du faulenzest. Mir recht. Du
dankst ab und ich dank ab. Komm mit mir heim. Deine Kumpane
lassen wir dem neuen Schrannenvogt.“
Bullie springt auf seines Herren Achsel und hackt sich dort fest,
indessen Jost Balthasar durch die nächtlich stillen Strassen schreitet,
hastig und müde seinem Hause zu.

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