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Badische Kunst: Jahrbuch d. Vereinigung Heimatliche Kunstpflege, Karlsruhe — 1.1903

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https://doi.org/10.11588/diglit.52611#0094
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anno achtundvierzig beim Heckerputsch eine Kugel damit aufgefangen.
Seine Lahmheit machen sich die Spitzbuben, die er, als die einzige
vollziehende Strafgewalt des Ortes, abzufassen hat, zu nutze. Sie fürchten
ihn gar nicht, obschon er recht wild und tückisch auszusehen bemüht
ist. Er wichst bei solchen Gelegenheiten seinen Katerschnurrbart mit
Pech in die Höhe, setzt die Mütze schief und rasselt mit einem Säbel,
dessen entblösste Klinge noch keines Zeitgenossen Auge sah. Als Aus-
rufer geberdet er sich friedlich, ohne Seitengewehr, mit einem untern
Arm geklemmten Hakenstock und melancholisch niederbaumelndem Bart.
„Was? Was?“ schreien ein paar Bürger aus Fenstern und Laden-
türen, „ist der Grethmeister abgesetzt, dass du sein Amt ausbietest?
Gregor Morss nickt gravitätisch. Er liebt es, um Privaterläuterung
angegangen zu werden: „Ja, was ist, das ist. Der Balthasar dankt ab.“
„Warum nur auch? Und warum verkauft er obendrauf sein Haus?“
Der Ratsdiener zuckt die Achseln und macht das kluge ver-
schlossene Gesicht einer gewiegten Amtsperson.
Antwort gibt er keine. Er bewegt die Klingel in seiner Hand. Die
übertönt alle Fragen.
❖ ❖

Am ersten Freitag jeden Monats war Fruchtschranne — Schrannen-
markt — in Endingen. Da kamen die Händler und kauften die von
den Bauern im Lauf der letzten vier Wochen eingelieferten und in der
Kornhalle gelagerten Fruchtvorräte.
Von Jahrzehnt zu Jahrzehnt hatte diese Art Handel ein wenig an
Bedeutung eingebüsst. Viele Faktoren hatten dazu mitgewirkt. „Vom
Rebbau wird einer geschwinder reich“ hiess es und die Leute
pflanzten Wein anstatt Brotfrucht. Das war ein Grund, aber kaum
der wichtigste. Handel und Wandel änderten sich, alles wurde grösser,
weitzügiger. Von der Verkehrskönigin, der Eisenbahn, lag Endingen
weit ab. Und wenn das alte Städtchen, der Usenberger Residenz, auch
ein Mittelpunkt blieb, so ward es doch mehr und mehr nur derjenige
eines winzigen Reiches.
Da zugleich mit der abnehmenden Arbeitslast auch des greisen
Grethmeisters Kraft schwand, merkte Jost Balthasar nichts vom Verfall,
versah er doch das Amt des Schrannenvogtes im Jahre 1868 mit der-
selben Anstrengung, wie anno 1828, wo es dreimal so bedeutend war.

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