Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 21.1886

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als: Eure Rede sei ja, ja, und nein, nein; was
d'rüber ist, das ist vom Uebel. Und wie sollte ich
jedesmal die drei, vier Bogen Deiner engen Schrift
auswendig lernen! Aber in der Noth frißt der Deibel
Fliegen, und da bin ich denn gezwungen, den ganzen
Kram auf meine Art zuzustutzen von wegen der besseren
Uebersicht.
Nach vielem Kreuzen und Vieren gelangt der hoch-
würdige Nathanael zu dem Schluß, daß Priscilla's
Herzchen noch unberührt von einer ernsteren Neigung
geblieben sei. Hl riKÜt. Aber es ist nichts so gut,
daß cs nicht besser sein könnte, und da behaupten die
Parchend und ich das Gegentheil. Und wir müßten
blind sein wie die gemalten Augen einer chinesischen
Dschonke, bezweifelten wir, was es bedeutet, wenn
Priscilla immer wieder von dem Ausreißer erzählt,
nicht genug des Guten von ihm zu sagen weiß, und

Fürst Chlodwig von Hohenlohe-Schillingsfürst, der neue Statthalter von Elsasj-Lothringen.
Nach einer Photographie gezeichnet von C. Kolb. (S. 188)

sich schier des Todes wundert, daß ihre guten Pastors-
leute nur hin und wieder einmal so nebenbei seinen
Namen nennen. Klar ist, und die Parchend theilt
meine Ansicht, daß das Kind selber noch keine Ahnung
davon hat, wie es in seinem unschuldigen Herzen aus-
sieht. Da wäre es also noch Zeit, vorzubeugen, daß
es nicht plötzlich einmal losbricht, wie der Taifun in
den Passaten, der Alles kieloberst kehrt. Darin ist der
hochwürdige Nathanael allerdings einig mit mir; aber
das Wie! Das ist der Knoten, an welchem sich mancher
vernünftige Mensch die Zähne ausbeißen könnte. Der
hochwürdige Nathanael hält für rathsam, das Aus-
reißen überhaupt zu verheimlichen, oder wenigstens zu
reden, als ob der Schlingel, nachdem er in seines
Vaters Geschäft eingetreten, gänzlich aus unserer Ge-
meinschaft gestrichen wäre, FÜ rixcht. Auf jede Andere
würde die Heuchelei Eindruck ausüben, auf Priscilla
dagegen nicht, und die Parchend ist
mit mir einverstanden. Denn und
ich betrachte die Liebe wie ein braver
Schiffer einen veränderlichen Himmel,
aus welchem er das Beste machen möchte
— zunächst fühlt das Kind sich gekränkt
und zurückgesetzt, und die Parchend mit
ihrer Erfahrung behauptet, daß nichts
gefährlicher sei, als einem entzündlichen
Herzen alles Mögliche und Unmögliche
vorzureden und dadurch zu verrathen,
daß man mehr in demselben lese, als
das Kind selber. Dadurch kommt's näm-
lich zum Nachdenken, und die nächste
Folge ist, daß es eines Tages den Kopf
hängen läßt und eingeht, wie die Pe-
largonien vor meinem Fenster, wenn
man sie, anstatt mit Wasser, mit Vitriol
begießen wollte. Und was bedeutet es,
daß der Zulu, dieses gelehrige Schand-
vieh, seit einigen Tagen alle meine schönen
Redensarten, auch die der Parchend,
vergessen hat, und dafür unermüdlich
hinausschreit: „Mein lieber Demetrins!
Armer Junge!" Das kann nur allein
Priscilla ihm beigebracht haben. Sie
leugnet's auch nicht, verlacht mich so-
gar, wenn ich ihr beweise, daß der ehr-
würdige Vogel solchen heidnischen Namen
überhaupt nicht aussprechen sollte.
Da hätte ich einen anderen Plan,
und die Parchend billigt ihn von Grund
aus. Wir möchten nämlich mit der
ganzen Wahrheit zu Platz kommen.
Sagten wir dem Kinde: dieser Demetrius
ist ein undankbarer Sohn, ein Aus-
reißer erster Klasse, ein leichtsinniger
Bursche, ein ruppiger Schiffsknecht, ein
einfältiger Gassenjunge, der sich von jedem
schuftigen Agenten in's Schlepptau neh-
men läßt und Tingeltangels mit ihm
besucht; der sich nicht entblödet, in
Dienst bei einem Kapitain der verrufen-
sten Sorte zu treten — ja, sagten nur

Das Loggbuch des Kapituins Eisenfinger.
Roman
. von
Balduin Möllhausen.
tvrorisetzung.) (Nachdruck verboten.)
Neunzehntes Kapitel.
Uekcr den Winter hinaus.
ine Woche, sogar zwei Tage darüber,
waren verstrichen, seitdem Eulenberg sich
schweren Herzens heimwärts gewandt hatte.
Hans Werkel und Wilhelm Lenz, wohl
ausgerüstet mit Verhaltungsregeln und
Empfehlungen, waren auf einem guten
chtss abgesegelt, und damit hatten die
s s)?gMgen, in welchen Barnabas Rostig
lebte, ihren vorläufigen Abschluß
Munden. Mit der Gemüthsruhe stellte
sch auch das Verlangen ein, seine Ge-
"sinken der besseren Uebersicht wegen zu
PZbwr zu bringen, wie er sich aus-
duckte. Meinte er doch, daß sein bester
Freund, das berühmte Loggbuch, welchem
kv in letzter Zeit nur kurze Bemerkungen
anvertraute, ihn vorwurfsvoll anschaue,
luinal Manches nachzutragen, was der
Vergessenheit anheimfallen zu lassen er
sst gleichen Rang mit allen sieben Tod-
sünden stellte. Hiezu gesellte sich zum
Uebersluß ein Wetter, welches überhaupt
ben Namen Wetter kaum verdiente, so
schlecht war es, und daher zu ernstem
Nachdenken und sonstigen geistigen Be-
schäftigungen förmlich gewaltsam anregte.
Unwirsch schnob der Sturm durch
die schlammigen Straßen; grämlich rassel-
len die Regentropfen gegen die Fenster-
scheiben. Um so behaglicher polterte
dafür das grob gespaltene Buchenholz
bor dem verzehrenden Feuer in Barna-
bas Rostig's Lsen, während er selber vor
dem Loggbuch stand und mit Ausdruck
und Geschick die Feder handhabte. Was
er an diesem böigen Novembermorgen
eingetragen hatte, lautete:
„O Du getreuer, hochwürdiger Na-
thanael! Wo bleibst Du mit Deiner
Bibelweisheit! Wie viel könntest Du von
uns noch lernen! Von der Parchend den
großartigen Praktischen Blick, und von
wir eine erbauliche Kürze der Ausdrucks-
weise. Wo Du ein Stück Papier ge-
brauchst, so groß wie ein Bramsegel,
um niederzuschreiben, was Dein ehr-
liches Herz beschwert, da thut's bei mir
eine leere Düte Deines Varinaskanasters,
die Sache klar zu legen. Ich sticke sogar
noch einen frommen Spruch mit ein
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