Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 21.1886

Page: 217
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Prinz Albrecht von Preutzen, Regent von Braunschweig.
Nach einer Photographie gezeichnet von C. Kolb. (S. 2:

tauchte: er verlor nichts von der maje-
stätischen Ruhe, mit welcher er seinen
Kurs nordwärts verfolgte. Was galt
es ihm, ob er glückliche Menschen über un-

ergründliche Tiefen hintrug, oder Andere, die an ihrem
Leid zehrten, oder noch Andere, die in heilloser Ver-
ruchtheit unablässig auf Unheil sannen? Was galt es
ihm, ob an seinem Bord Sieche ächzten, seufzten und
hoffnungslos der nächsten Zukunft gedachten, wenige
Gesunde sich geduldig der verdoppelten Arbeit unter-
zogen und dennoch Zeit fanden, die unglücklichen Ge-
fährten treu zu Pflegen und zu ermuthigen? Was galt
es ihm endlich, daß ein armer Matrose in ein Stück-
chen Segeltuch eingenäht, auf ein Brett gelegt und
nach einem kurzen Gebet über Bord geschoben wurde?
Der Todte versank. Unermüdlich verfolgte der ,Kra-
ken' den ihm vorgeschriebenen Kurs. Das Kielwasser
ebnete sich über dem nassen Grabe, und „Verschollen
und vergessen!" schrieb eine mächtige Hand unbarm-
herzig in das Schicksalsbuch ein. Selbst in den Her-
zen der alten Gefährten fand kaum noch eine frennd-

Das Logglmch des Kapitains Gisenfinger.
Roman
von
Balduin Möllhauscn.
lFortphung.) (Nachdruck verboten.)
er Kapitain und Stuhr hatten sich inzwi-
schen in die Kajüte eingeschlossen. Bevor
sie eingetretcn waren, hatten sie den beiden
davonschreitenden Freunden mit einem Aus-
druck des glühendsten Hasses nachgesehen.
Unheil brütend hatte Hader die Brauen
dicht znsammengezogen. Den Unterkiefer über den oberen
hinausgeschoben, rieb er in unbezähmbarer Wuth die
Zähne auf einander.
„Wie die beiden Hunde berathschla-
gen," entwand es sich gedämpft seinen
Lippen, „ich sage Ihnen, Steuermann,
kommen die wohlbehalten an Land, so
mögen wir uns nach 'ner anderen Heim-
stätte umsehen. Verdammt; an Bord
des Leuchtschiffes wohnt ein Geheimniß
trotz aller Eidschwüre des verlogenen
Fenchel, und das hat der glatte Lateiner
dem Weibsbild abzuschwatzen gewußt.
Einem Anderen wär's nimmermehr ge-
lungen."
Mit den letzten Worten trat er in
den Kajütengang. Stuhr, durch die
räthselhafte Kunde sichtbaHbestürzt, folgte
ihm schweigend.
Länger als eine Stunde saßen die bei-
den verbrecherischen Genossen in eifriger
Berathnng beisammen. Als sie wieder
auf Deck erschienen und dem Schiffskoch
den Essig und die Gemüsebüchsen Über-
gaben, da geschah es in sorgloser, sogar
theilnahmvoller Weise. Den ganzen pein-
lichen Vorfall schienen sie vergessen zu
haben. Demetrius und Martin ließen
sich indessen dadurch nicht täuschen. Sie
fühlten gewissermaßen die tödtliche Feind-
schaft , mit welcher in der Einsamkeit
der Kajüte ihrer gedacht, mancher teuf- <
tische Plan zu ihren: Verderben berathen j
worden war. — j
Der „Kraken' war ein altersmorsches,
aber ein schnelles Schiff. Ob Windstillen
seinen Lauf hemmten, frische Brisen seine
Segel schwellten: er nahm das Eine wie

liehe Erinnerung Raum. Sie wurde verdrängt durch
Flüche für die Scheusale, die um geringen Gewinn
Menschenleben grausam vernichteten.
Rastlos und stetig verfolgte der ,Kraken' seine
Bahn nördlich. Von der in zarten Duft gehüllten
grünüberwucherten Gebirgsküste Kaliforniens trug der
Ostwind süßen Frühlingsduft herüber. Nur noch Tage,
höchstens eine Woche, und das Schiff steuerte in das
berühmte „Goldene Thor" hinein. Die Kranken athmeten
auf bei der Aussicht auf ihre baldige Aufnahme in
ein Spital. Schwerer denn je zuvor lastete es wie .
eine böse Ahnung auf den Gemüthern Martin's und
Demetrius'. War ein hinterlistiger Anschlag gegen sie
oder Einen von ihnen geplant worden, so mußte er in
nächster Zeit zur Ausführung gelangen. Wer weiß,
was schon im Laufe der letzten Wochen geschehen wäre,
hätte man ihre Kräfte nicht bis zur äußersten Grenze
ausnutzen wollen.
Die Sonne rastete scheinbar auf der
westlichen Linie des Horizontes. Noch
eine halbe Stunde, und der Tag war nach
kurzer Dämmerung in nächtliches Dunkel
übergegangen. Der Wind hatte sich in
eine scharfe, schnell fördernde Brise ver-
wandelt. Regelmäßig wogte das Meer.
Vor dem Steuerrad schritt der Kapitain
in gewohnter Weise auf und ab. Um
den verringerten Arbeitskräften etwas
mehr Ruhe zu gönnen, hatte Stuhr sich
an das Rad gestellt. Prüfend flogen Ha-
der's Blicke über die vollzähligen Segel,
in deren obere ein Reff geschlagen wor-
den. Plötzlich richtete er sein Fernrohr
auf den Topp des Fockmastes. Nach
kurzem Spähen rief er auf's Verdeck
hinab: „Halloh, Demetrius! Am Vor-
oberbramsegel haben die äußersten Back-
bordbenzel sich gelöst. Verfestigen Sie
Alles, bevor es dunkel wird!"
Demetrius, der neben Martin auf
einem seitlängs der Brüstung verstauten
Reserverundholz saß, erhob sich dienst-
fertig. Einen flüchtigen Blick wechselte
er mit dem von ihm unzertrennlichen
Gefährten. Dieser raunte ihn: zu: „Hän-
gen will ich, wenn auch nur eins der
Benzel um 'n Haar breit nachgegeben
hat. Passen Sie auf — überhören Sie
nicht mein Pfeifen. Es ist Unheil im
Winde. Der Stuhr steht nicht umsonst
am Steuer!"
Demetrius nickte ihm zu. Dann
schritt er nach vorne und mit mäßiger
Eile begann er, sich auf den Strickleitern
emporzuarbeiten. Nach einigen Minuten
trat er auf das unterhalb der Oberbram-
raae in Schlingen hängende Tan, das
sogenannte Pferd, und mit den Händen
sich auf die Raae stützend, schickte er-
sieh an, nach deren äußerstem Ende hm-
auszngleiten. So lange hatte l.iartm
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