Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 21.1886

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Die neue Schülerin. Nach einem Gemälde von E. Sch uback. (S. 535)

Neber und unter Tage.
bcrsch Iesjsche BerginannsNovelle
von
A. Oskar Klaußmann.
lFortsctzung.) . . , .
li der That begünstigte heute das Glück auf-
fallend den Schichtmeister Trcumann, der zu
den ständigen Spieltheilnestmcrn gehörte und
sonst stets mit Verlust spielte; fast jede Karte
schlug zu Gunsten des neuen Bankhalters, es
war für die anderen Spieler unmöglich,
gegen dieses Glück anzukämpfen, all' ihr
Geld, Banknoten und Silber — denn
Gold gab es damals noch fast gar nicht
im Verkehr - folgten der magischen
Anziehungskraft, welche der sich stets
mehrende Haufen Geldes ausübte, der
vor Treumann lag. Die Spieler an
den anderen Tischen wurden aufmerksam,
verließen ihr Spiel und traten herüber,
um zuzusehen und selbst mit zu poin-
tiren. Ihr Schicksal war das der an-
deren Spieler.
Als der Morgen graute, hatte Treu-
mann gegen zweitausend Thaler gewon-
nen. Die Spieler waren erschöpft und
ausgebeutelt, der Hausherr selbst war
schon lange zur Ruhe gegangen und man
rüstete sich zum Aufbruch.
Zu Wagen, zu Pferd, meist aber zu
Fuß zerstreuten sich die Spieler in ein-
zelnen Gruppen durch den Wald, der
noch schweigend und dunkel dalag. Noch
schliefen die Vögel und unter den dich-
ten Zweigen übte das Morgengrauen
noch keine Lichtwirkung aus. Der Him-
mel leuchtete an einzelnen Stellen in
Flammenschein, als Prangten dort rie-
sige Nordlichter. Es war der Wider-
schein der Feuer der großen Hüttenwerke,
welche dem Horizont allnächtlich das Aus-
sehen gaben, als nahe der Weltenbrand.
Schichtmeister Treumann hatte ermü-
det und abgespannt seinen Rückweg allein
angctrcteu.'Scin Kopf schmerzte ihm und
seine Augen brannten von der durchwach-
ten Nacht, dabei befand sich sein Inneres
in höchster Erregung. Während er allein
den holprigen Waldweg, der sich in
allerlei Krümmungen durch den Forst
zog, dahinschritt, murmelte er halb-
laute, abgerissene Sätze vor sich hin und
gestikulirte auf das Lebhafteste, nicht
achtend, daß er hier und da an Wur-
zeln stieß und durch die Unebenheiten
des elenden Weges in's Wanken gerietst.
Er taumelte wie im Rausch dahin.

Vom Fuße einer mächtigen Tanne hatte sich eine
Gestalt abgelöst, die sich jetzt dem Schichtmeister in den
Weg stellte.
„Aengstigen Sie sich nicht, Herr Schichtmeister!" ent-
gegnete eine heisere Stimme. „Ich bin cs, der Birkner!"
Treumann trat näher und erkannte in der That
einen der Unterbeamten des Werkes, der ebenfalls zu
den Spielern gehörte.
„Ach, haben Sie mich erschreckt!" rief Treumann
mit einem Seufzer der Erleichterung. „Was machen
Sie denn noch hier? Kommen Sie nicht mit?"
„Ja, ich begleite Sie, Herr Schichtmeister, wenn
Sie nichts dagegen haben. Ich bin dort oben schon
vor einer Stunde fortgegangen, als ich Alles verloren
hatte, und nun habe ich mich im Walde Herumgetrieben,
weil ich mich nicht nach Hause getraute.
Schließlich habe ich gedacht, daß Sie
hier vorbeikommen werden, wenn Sie
nach Hanse gehen, und da habe ich Sie
erwartet, weil ich Sie noch sprechen
wollte!"
„Was haben Sie denn?" frug Treu-
mann.
„Mein guter Herr Schichtmeister,"
entgegnete sein Begleiter, „ich komme,
Sie um einen großen Gefällen zu bitten.
Nehmen Sie mir's nicht übel, aber ich
muß es Ihnen sagen, ich hab' mein
ganzes Geld heut' Nacht verloren, mein
Gott, und ich Weiß nicht, was ich mit
meiner Familie anfangen soll. Können
Sie mit nicht dreißig Thaler borgen?
Sie haben ja Alles gewonnen! Ihnen
känn's ja doch nicht darauf ankommen!
Lieber, guter Herr Schichtmeister, haben
Sie doch die Freundlichkeit, ich will es
Ihnen ja wieder geben, so bald ich kann!"
Der Bittende hielt inne und betrachtete
forschend den Schichtmeister.
„Gewiß, recht gern," entgegnete dieser,
„ich will Ihnen das Geld ganz gern geben,
wenn Sie es so nothwendig brauchen.
Kommen Sie gegen Mittag zu mir."
„Gegen Mittag? Ja, warum wollen
Sie es mir denn nicht jetzt gleich geben?
Sie haben ja doch Geld genug bei sich."
„Ja wohl, allerdings," antwortete
zögernd Treumann, „aber Sie wissen
doch, es ist Gewinngeld, das darf man
nicht fortgeben, das ist eine alte Spieler-
regel ! Ich bin ja nicht abergläubisch, aber
wenn man so lange wie ich mit unge-
heuerlichstem Pech gespielt hat, dann ist
man mißtrauisch und vorsichtig gegen
das Glück. Auf die paar Stunden kann
es Ihnen ja doch auch nicht ankommen!"
„Leider doch! Sie ahnen nicht, in
welch' furchtbarer Bedrängniß ich bin.
Meine Familie hat feit ein paar Tagen
kaum Brod im Hause, und nun hat mich
noch ein Gläubiger auspfünden lassen, und

„Endlich erzwungen!" murmelte er, „endlich! O,
wie lange habe ich warten müssen, bis der Umschlag
kam, und nun lächelt mir doch das Glück — und es
muß mir jetzt treu bleiben, wie es sich ebenso lange
vorher von mir gewendet hat — es muß! Ich bin
nicht abergläubisch, aber ich weiß es, daß ich mir das
Glück jetzt erkämpft habe, daß ich es gezwungen habe,
zu mir zu kommen. Es muß bei mir bleiben; und
wenn es bleibt — o — o — nur ein Zehntel der
Zeit, in der es fern von mir geblieben, dann bin ich
gerettet! Gerettet! Und wenn ich gerettet bin — nie
wieder, nie wieder! Mein armes, elendes Weib! —
Werda? Halt!" Die beiden letzten Worte rief der ein-
same Wanderer im höchsten Schreck, der ihn aber we-
nigstens aus seinem Taumel erweckte.
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