Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 21.1886

Page: 601
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/bfa1886/0593
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile



Ohne daß er noch einmal in dem endlich gefaßten
Entschlüsse, seiner Entdeckung unter allen Umständen
auf den Grund zu gehen, wankend geworden wäre,
erstieg er, immer mehrere Stufen auf einmal nehmend,
eilends die vier Treppen des nichts weniger als elegan-
ten, mit jedem höheren Stockwerk ärmlicher werdenden
Miethshauses, und stand nun beinahe außer Athem
vor der Flurthüre der Wohnung der Wittwe Ohne-
sorge.
Nachdem er sich überzeugt, daß kein Glockenzug
vorhanden, klopfte er mit dem Fingerknöchel hart an,
„Wer ist da?" ertönte eine schrille Stimme von
innen,
„Das werden Sie ja sehen, wenn Sie öffnen," rief
Gerwin dagegen.
Vorsichtig wurde der Schlüssel im Schloß umge-
dreht, eine Kette rasselte und hinter der Thürspalte

In, Georg KoPP, Bischof von Fulda.
Nach einer Photographie gezeichnet von C, Kol b, (S. 607)

wurde das Gesicht eines alten Weibes sichtbar, die
mißtrauisch hervorschaute. Die elegante Erscheinung
des Fremden schien ihren Argwohn keineswegs abzu-
schwächen oder gar zu bannen.
„Was wünscht der Herr?"
„Ich möchte Frau Marquard sprechen," versetzte
Gerwin gespannt.
„Wohnt hier nicht!"
„Nun, der Name thut nichts zur Sache," ^meinte
Gerwin unangenehm berührt. Nur noch die Möglich-
keit lag vor, daß Ella unter angenommenem Namen
hier lebte. „Ich wünsche der jungen Frau meine Auf-
wartung zu machen, die soeben mit ihrem Knaben
heim kam."
„Ei, ei!" grinste die Alte. „Kann ich's nicht aus-
richten?"
„Nein, das können Sic nicht!" versetzte Gerwin
kurz. „Melden Sie einen alten Bekannten
aus Karlsruhe," setzte er nach kurzem
Besinnen hinzu.
Die Alte zauderte noch eine Weile,
dann wandte sie sich ab und kam bald
darauf mit dem Bescheide zurück, daß
ihre Einmietherin weder Besuch erwarte
noch empfange. Der Herr irre sich wohl
in der Wohnung.
Sie schien nicht übel Lust zu haben,
dem Einlaßsuchenden die Thüre vor der
Nase zuzuschlagen. Gerwin jedoch^schob
kurz entschlossen den Fuß in die Thür-
spalte, zog seine Börse und hielt der
Alten stillschweigend ein Geldstück hin.
Die Alte unterlag der altbewährten
Verlockung im Handumdrehen, griff gierig
zu und ließ Gerwin mit verschmitztem
Augenblinzeln ein, ihn am Arm über
den dunklen Vorplatz zu einer Thüre
führend, die sic ohne Weiteres aufstieß.
„Da ist der Herr!" rief sie ganz ge-
lassen in's Zimmer. Dann zog sie sich
schnell zurück.
Gerwin klopfte höflich an die offen
stehende Thüre und verharrte in einer
Spannung, die ihm den Athem benahm,
aus der Schwelle der kümmerlich aus-
gestatteten Dachkammer. Forschenden
Blickes sah er zu der ärmlich gekleideten
Frauengestalt hin, die ihm jetzt heftig
erschrocken ihr bleiches Antlitz voll zu-
gcwaudt hatte.
„Frau Marquard!" schrie er auf,
unwillkürlich auf sie zutretend und ihr
beide Hände hinstreckend. „So wahr
Gott lebt, Sie sind es! Ich habe Sie
gefunden! Ich erkannte Sic auf der
Stelle; mein guter Stern führte mich!"
Die Entdeckte hatte einen leisen Schrei
ausgestoßen und war haltlos zurück ge-
wichen. Sie zitterte am ganzen Leibe
und sah starr zu dem Manne hin, der
ihr so ängstlich behütetes Geheimniß so

Verborgene Wege.
Novelle
von
Alfred Stelzncr.
(Fortsetzung und Schluß.)
(Nachdruck verboten.)
lange Weile rührte Gerwin sich nicht
von der Stelle. Immer wieder sagte er
sich, daß ihn am Ende doch nur eine
bloße Aehnlichkeit jener Dame mit Ella
narre. Mußte es nicht für eine Thorheit
und für eine verfängliche dazu gelten, in
eine fremde Wohnung einzudringen, um nach Derjenigen
zu forschen, von der selbst der eigene Gatte nicht
zweifelte, daß sie längst verstorben sei?
Und wie wäre es möglich gewesen, daß
Ella, wenn sie wirklich noch unter den
Lebenden weilte, den unermüdlichen Nach-
forschungen Marquard's Jahre lang hätte
entgehen können. — Entgehen! — Ger-
win fuhr unwillkürlich aus. Die Todt-
geglaubte hatte sich ja absichtlich ver-
borgen gehalten, sich absichtlich den Nach-
forschungen des Gatten entzogen. Warum?
Gerwin brauchte nicht lange über die
möglichen Beweggründe nachzugrübeln;
sie däuchten ihm um so durchsichtiger,
wenn er nur des Kindes gedachte, dem —
wie cs schien - die Vorsehung die Rolle
eines unschuldsvollen Vermittlers Vor-
behalten hatte.
Und wenn er sich wirklich einmal
über alle Zweifel Hinwegsetzen wollte durch
die immerhin Phantastische Annahme, daß
er sich thatsächlich auf richtiger Fährte
befand — durfte er denn auch nur wagen,
Ella gegenüber zu treten, ohne sie in die
allerpeinlichste Verlegenheit zu versetzen?
Unübcrsteigliche Schranken und Hemm-
nisse hatten sich vor dem geistigen Auge
des Grübelnden aufgethürmt. Endlich
aber brach trotz alledem doch, wie die
Sonne durch finstere Wolken, die aus-
schlaggebende Erkenntniß bei ihm durch,
daß das Lebensglück zweier, ihm so eigen-
thümlich nahe getretenen Menschen auf
dem Spiele stehe, daß alle Bedenken vor
der einzigen Ueberlegnng des Herzens ver-
stummen müßten, dem unsagbar elenden
Freunde die verloren gewähnte Gattin
zurück zu gewinnen; und ein strahlendes /o
Lächeln verklärte sein vorher besorgtes -
Antlitz, daß es ihm vielleicht vergönnt
sein könnte, ein Paar Menschen in Liebe
und Glück wieder zu Vereinen, welche die
tiefsten Kümmernisse in stummer Qual
und trostloser Abgeschiedenheit so lange
Jahre mit sich herum getragen.
loading ...