Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 21.1886

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1886

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Das Loggbach des Kapitams Eisenfinger.
Roman
von
Balduin Möllhausc«.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
arnabas Rostig hatte eine kurze Pause ge-
macht, um Athem zu schöpfen. Dann hob
er wieder an: „Sobald Lilly und ich uns
allein befanden — und
die Ereignisse hatten sich
seit meiner Verwundung
in zwei, drei Minuten zusammen ge-
drängt — da erkannte ich erst, welche
großartige Kraft in einem Weibe lebt,
und wie sie wächst und sich offenbart,
wenn es sich in seinen heiligsten
Regungen bedroht sieht. Anstatt zu
jammern und zu klagen, ermuthigte
sie mich mit herzlichen Worten. Dann
half sie mir die schwere Wunde so
fest verbinden, daß das Blut stehen
mußte. Dabei kam ein tiefer, ruhiger
Ernst über sie. Sie fragte nichts,
redete auch lange nichts. Erst als
sie meinte, mich für eine längere
Bewegung vorbereitet zu haben, küßte
sie mich zärtlich, und meine gesunde
Hand ergreifend, führte sie mich auf
den Hof hinaus. Dort sagte sie,
wenn ich ihr aufrichtig zugethan sei,
dürfte ich nicht von ihrer Seite
weichen. Sie habe zum letzten Male
die Schwelle ihres elterlichen Hauses
überschritten, wenn ich dächte, wie
sie, so schüttele ich den Staub von
meinen Füßen zur Nimmerwiederkehr.
Darauf befahl sie einigen feiern-
den Kahuillas, zwei Pferde von der
nahen Weide herein zu holen, auf-
zuschirren und vor den Reisewagen zu
spannen. Während die braunen Bur-
schen das ausführten, trug sie ihre
nothdürftigstcn Kleidungsstücke herbei,
ebenso die meinigen und verpackte
Alles auf dem Wagen. Liebevoll
richtete sie mir einen bequemen Sitz
ein, sorglich half sie mir nach dem
Wagen hinauf und schweigend ließ
sie sich seitlängs von mir nieder. Als
die Kahuillas ihr Leine und Peitsche
reichten, erschien die Townsend Plötzlich
auf dem Hofe. Die rief ihr zu, wohin
sie wolle, sie möchte bleiben, um mir
eine gute Pflege angedeihen zu lassen.
„Ich gehe, um nicht mehr hierher
zurückzukehren," antwortete Lilly, ohne
ihre Schwester anzusehen. „Was die

Sie trieb die Pferde an. Gleich darauf lag das
Gehöft hinter uns. Als wir auf die ebene Landstraße
hinaus gelangten und den nördlichen Kurs hielten, prüfte
Lilly mit großer Besorgniß, wie schnell sie fahren dürfe,
ohne mir Pein zu verursachen. Mein Arm hing in
einer Schlinge; daher hatte ich nur das Gefühl, den
der Blutung wehrenden übermäßig festen Verband so
bald wie möglich abzulegen. Daraufhin schwang Lilly
die Peitsche, und fort ging es auf dem glatten Wege,
was die Gäule laufen konnten. Ich beobachtete Lilly
ängstlich. Trotz der äußeren Ruhe war sie mächtig
erregt. Ich sah's ihr an, wenn sie sich mir zukehrte,
um in meinem Angesicht zu lesen,
ob's einen bösen Verlauf mit mir
nehme. Aber noch mehr glaubte ich
auszumachen: daß hinter dem mann-
haften Wesen das Blut sich krankhaft
erhitzte, auf die schreckliche Anspan-
nung ihrer Kräfte eine Ermattung
folgen müsse, von der es fraglich
war, ob sie über dieselbe Hinwegkom-
men werde."
Hier hielt Barnabas Rostig für
angemessen, eine kurze Klage über die
zunehmende Schwäche seiner Augen
einzuschalten. Ohne Scheu fuhr er
mit dem Tuch über dieselben hin.
Die alten Erinnerungen hatten ein
Bild vor seine Seele hingezaubert,
dessen Anblick ihn mit schmerzlicher
Rührung erfüllte. Die beiden Gatten
erriethm leicht seine Empfindungen
und vermieden sorgfältig, seinen Ideen-
gang zu stören.
Siebenunddreißigstes Kapitel.
Die letzten Worte.
Einige Minuten bedurfte Barna-
bas Rostig, seiner Bewegung Herr
zu werden, sich gewissermaßen zu den
ferneren Mittheilungen zu rüsten.
Feierlicher noch als zuvor tönte dar-
auf sein rauhes, eigentümlich gemil-
dertes Organ durch das Helle, luftige
Gemach:
„Lilly um das Ziel unserer Fahrt
zu befragen, fiel mir nicht ein. Hätte
sie uns gemeinschaftlich in den Tod
hinein gesteuert: ich würde es will-
kommen geheißen haben, seitlängs von
ihr dem Ende aller Dinge entgegen zu
schlafen. Doch das sollte nicht sein.
Die Nacht war hereingebrochen
als in der Dunkelheit lange Gebäude,
Thürmchen, Mauern und Baum-
alleen wie schwarze Schatten vor uns
auftauchten. Es war die Mission
San Gabriel. In schneller Fahrt
ging's durch ein Portal. Gleich dar-
auf hielten wir vor einein Säulen-
gange, in welchem beim Schein einiger

Pflege unter dem Dache meines todten Vaters bedeutet,
habe ich erfahren. Mag es Dir und Deinem Kinde nicht
angerechnet werden, daß Du einem Mörder die Waffe gegen
Jemand in die Hand drücktest, dem ich angehöre auf ewig."
Die Townsend antwortete nicht. Wohl aber be-
merkte ich, daß sie erbleichte und die Hände unterhalb
ihres Herzens faltete. Ich bemitleidete sie und doch
war ihr nur nach Gebühr geschehen.
„Pferde und Wagen schicke ich zurück!" rief Lilly
ihr noch über die Schulter zu. „Blutschuld lastet auf
unserem Hause. Keinen Bissen Brod möchte ich ferner-
hin am elterlichen Tische essen."

Ansgeslogen. Nach einem Gemälde von L. Gayler. <S. 439)
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