Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 21.1886

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1886



Frisch gewaschen. Nach einem Gemälde von Paul Wagner. (S. 108)

zu und führte Eulenberg nach dem Nebenzimmer hin-
über. Es entging ihm daher, daß der Rothbärtige, der
noch immer ans der Tischklappe lag, ihm einen arg-
wöhnischen Blick nachsandte und der Mutter Knebel
zuraunte: „Das ist Einer von den Augenverdrehern,
die den Wirthen so wenig wie den Agenten ihr Stück
Brod gönnen."
„Sag's ihm in's Gesicht und wirf ihn aus dem
Hause," antwortete das Weib, „mir soll er's Geschäft
nicht verderben, so lange es noch lustige Jungens
zwischen Himmel und Wasser gibt."
„Ich sage Dir, Mutter Knebel, der hat eine Manier,
mit Denen vom Wasser zu Verkehren, daß kein Anderer
dagegen aufkommt."
Ein junger Matrose störte das Gespräch, indem er
herantrat und einen Trunk forderte. Sein untersetzter

Das Loggbuch des KaMins Eisenfinger.
Roman
von
Balduin Möllhausen.
(oorstctzmig.) (Nachdruck verboten.)
eber Bord damit, Martin!" fiel Juliane
achselzuckend dem Matrosen in's Wort,
„willst Du predigen, so geh' zu dem
Whiskey-heiligen Krämerpack nach Eng-
land, oder zu den heulenden Methodisten
nach Amerika. Bei mir schlägt's nicht
"" " '' ' dem

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Körper, das Urbild von Kraft und Gesundheit, schien
wie aus Eisen gefügt zu fein. In seinen Bewegungen
dagegen wie in dem gerötheten Antlitz verrieth sich,
daß er Grog und Bier bereits mehr zugesprochen
hatte, als es selbst mit seiner Riesennatur verträg-
lich war.
Das Weib warf ihm einen spöttischen Blick zu,
und mit dem Daumen über die Schulter auf eine mit
Kreideschrist bedeckte Holztafel weisend, erklärte es
gleichmüthig: „Nicht einen Fingerhut voll erhältst
Du, mein Jüngelchen, bevor die Rechnung hier gelöscht
ist, und wär' Dein Durst so groß wie der eines Wal-
fisches, der eine Schiffsladung Salzheringe sammt der
Lauge verschluckte."
„Hol' Dich der Teufel," erwiederte der Matrose
unwirsch, „nächster Tage mustere ich auf einem Ost-
indienfahrer an und laß mir zwei Monats-
heuern vorauszahlen —"
„Die ihren Weg überall hin finden, nur
nicht in meine Kasse," fiel das Weib höhnisch
ein.
Eine heftige Antwort schwebte dem jungen
Mann auf den Lippen, er schlug mit der Faust
auf den Tisch, daß alle Gläser klirrten, als der
Rothbärtige sich in's Mittel legte.
„Gib ihm, was er verlangt," wendete er
sich an Mutter Knebel, „und über die Kreide-
striche fahre mit Deinem Schürzenzipfel. Ich
bürge für Alles. Da, Maat," und er warf
zwei harte Thaler auf den Tisch, „nimm das
auf Abschlag. Bist 'ne ehrliche Haut. Komm
morgen zu mir. Will Dich an Bord eines
guten Schiffes bringen; Deine Schuld an mich
berechne ich mit dem Kapitain."
Auf des Matrosen Antlitz gelangte ein
eigenthümlicher Ausdruck von Zügellosigkeit
zum Durchbruch; dann aber bestrebte er sich,
Klarheit in seine Gedanken zu bringen.
„Halloh, Wendehals," rief er aus, „die
Katze im Sack zu kaufen ist nicht meine Sache,"
und mißtrauisch fügte er hinzu: „Welches
Schiff?"
„Barkschiff ,Kraken'," hieß es ruhig zurück.
„Was?" fuhr der Matrose ernüchtert auf,
„der ,Kraken'? Dieser spacke Seelenverkäufer?
Ich kenne ihn vom Hörensagen, und den Kapi-
tain noch besser. Das ist einer von den Hun-
den, die mit gutem Proviant auslaufen; so-
bald aber das Land außer Sicht, fauliges Salz-
fleisch, lebendigen Zwieback und Bohnen und
Erbsen auftischen, die ein halb dutzendmal die
Linie Passirten. Zur Hölle mit dem .Kraken'
sammt Kapitain und Rheder, die nicht wissen,
wie sie den Leuten das Fell über die Ohren
streifen sollen, um ihren Geldkasten zu füllen!
Wer kennt nicht den Herrn Starke!"
„Hat sich Alles geändert," erklärte Wende-
hals wie beiläufig, „der .Kraken' ist im Don
gewesen, und dem Kapitain haben sie auf die
Finger geklopft. Jetzt soll er einer der Besten
für die Bemannung sein."

mehr an. Du fährst auf dem Wasser, ich auf
Morast eines Lumpendaseins, wie's einem Ma-
trosenkinde geziemt. Ueber Bord müssen wir
Beide einmal, der Eine heut', der Andere morgen,
und wen's zuerst trifft, der ist zuerst sicher gegen
Elend, Noth und Schurkerei! Aber noch leben
wir! Halloh, Knebel!" kehrte sie sich dem
einäugigen Stelzfuß zu, und sie schüttelte sich,
wie um eine unsichtbare Last abzuwerfen, „der
Martin hat mit seinem Geplärre mich durstig
gemacht. Ein neues Glas und nicht zu matt!
Zahl' ich nicht, zahlt ein Anderer!"
„Zahlt ein Anderer!" wiederholte Martin
und warf ein größeres Geldstück auf den
Tisch, „und die Hölle über Jeden, der die
Juliane nicht für das feinste Frauenzimmer
unter der Sonne erklärt!"
.. So lange hatte Barnabas Rostig gezögert,
offenbar um mit reger Theilnahme dem sich in
bem allgemeinen Lärmen tast verlierenden Wort-
wechsel zwischen den Beiden zu lauschen. Dann
wrderte er die Wirthin auf, zwei Gläser Bier
nach dem Nebenraum zu schicken, wo er und
sein Gefährte noch Plätze zu finden hofften.
„Wer trinken will, mag sein Glas selber
m?3^n," antwortete das Mannweib, die brennende
-pfeife aus einige Sekunden aus den: Munde
Nehmend, „hier bedient sich Jeder allein. Wem s
nicht Paßt, der mag dahin gehen, wo der
-reufel ihm als Kellner das Licht hält. Mein
Name ist Susanna Knebel," und dröhnend
schlug sie sich mit der Faust aus die Brust.
^etzt-legte ^uliane sich in's Mittel. Beim
ersten, Log von Barnabas Rostig's Stimme
sss schuell herumgefahren. Ihr Antlitz
Reann?' l" ^er gcheimnißvollen
Regung alsbald wieder Herr werdend, musterte
ste die beiden Fremden flüchtig, worauf sie
^sUs weiblichen Wüthcrich zurief: „Füll' die
Gläser, Mutter Knebel! Das sind ehrwürdige
Männer, die verdienen Rücksicht. Ich selber
wsll sie bedienen." Und zu Barnabas Rostig:
„Bersuchen Sie, ob Sie Platz finden. Das
Weitere sei meine Sorge."
Dieser, wenig geneigt, das Gespräch mit
dem Weibe fortznsühren, nickte Juliane dankend
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