Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 21.1886

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führte Boot dem ihm gesteckten Ziele ent- !
gegen. Seitdem es den ,Kraken' verließ, !

Roman
von
Balduin Möllhansen.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Fünfzehntes Kapitel.
Das Leuchtschiff.
inster ruhte die Nacht über dein rasch dein
nnsernen Meere zueilenden Strom. Ge-
räuschlos glitt das von dem jungen Knebel,
einem würdigen Sprossen seiner Eltern, gc-

hatte der wohl unterrichtete Bursche die
Riemen fast ununterbrochen gehandhabt,
wobei die Ebbcströmung ihm allerdings
die Arbeit erheblich erleichterte. Nur
zeitweise betheiligte Demetrius sich am
Rudern, jedoch weniger, um sich der
Kalte zu erwehren, als düsteren Be-
trachtungen sich zu entwinden.
Durch nichts gestört, was das Auge
Hütte fesseln können, versank Demetrius
allniählig in düstere Träumereien. Die
tiefe Ruhe ringsum, das eintönige, takt-
mäßige Stoßen der Riemen zwischen den
Pflöcken wie das geheimnißvolle Gur-
geln des Wassers vor dem Bug des
leichten Fahrzeuges leisteten denselben
Vorschub. In die Vergangenheit schwers-
ten seine Gedanken, weit fort über Län-
derstrccken nach den Stätten, aus welche
ber glücklichste Theil seines Lebens entfiel.
Wehmüthig gedachte er der Heimath,
der er nunmehr aus viele Jahre, wenn
nicht auf ewig den Rücken gekehrt zu
haben meinte; wehmüthig der Tage einer
ungebundenen Freiheit, der Tage heiterer
^ünüsse und ungetrübten Frohsinns.
Warum hatte es nicht so bleiben können?
Warum mußte er einem Zwange unter-
worfen werden, im Bergteich mit wel-
chem das Loos des einfachsten Hand-
werkers, der bei der Wahl des Berufes
nur der eigenen Neigung folgte, als be-
neidenswcrjh erschien?
Vor seinen geistigen Blicken erstand
das Bild des strengen Vaters, der seinen
Berechnungen Alles, das Wohl seines
eigenen einzigen Kindes unbarmherzig
Aeopsert haben wollte. Es erstand das
Bild der zärtlichen Mutter, deren Ab-
lchtt er so lange gewesen, deren Einfluß,
vielleicht auch Verständniß indessen nicht
jo weit reichten, daß er in ihr einen
wirksamen Rückhalt für seine Wünsche
und Hoffnungen gefunden hätte. In

Francis Bret Harte.
Nach einer Photographie gezeichnet von C. Kolb (S. 1L1)

1886. ""-
aus dieser, bald aus jener Richtung blinzelte, durch
die dazwischen liegende Dunstschicht gedämpft, ein ein-
sames Licht herüber. Wer sagte, wem und wozu jedes
leuchtete? Wo es einen Raum erhellte, in welchem ein
von Siechthum Heimgesuchter vergeblich einige Stun-
den des Schlafes herbeisehnte, nahm es sich nicht an-
ders aus, als da, wo im Dorfkruge Nachtschwärmer
sich leichtsinnig mit Trinken und Kartenspiel vergnüg-
ten; wo regsame Fischer sich zum Aufbruch rüsteten,
nicht anders, als da, wo die Hausmutter mit sorg-
samer Hand den Ihrigen den Weg in den neuen Tag
hinein ebnete. Andere Merkmale, als die herüber-
schimmernden Fenster, waren ja nicht erkennbar. Noch
fielen die Schatten von Häusern, Ställen und Bäumen
so eng zusammen, daß alle Linien verloren gingen, die
Lichter als in der Luft schwebende Funken erschienen.
Aber gerade die formlosen Massen boten der Phantasie
ein Feld für ihre Thätigkeit, ermunter-
ten sie, sich mit trauten Bildern der
Vergangenheit'zu umgeben.
„Priscilla," sprach Demetrius wieder
leise vor sich hin.
„Pris—cil—la," antworteten die
Riemen im Takt zwischen ihren Pflöcken,
„Pris—cil—la, Pris—cil—la."
„Priscilla," wiederholte Demetrius
in Gedanken. Er neigte das Haupt,
schloß die Augen, und vor ihm stand sie
mit ihrem lieblichen Lockenhaupt, mit
dem holden Antlitz, dem unschuldigen
Lachen und dem vertrauensvollen Liebes-
blick. Er hörte ihre Stimme, indem sch
ihm einen herzlichen Gruß zurief, be-
wunderte ihre anmuthigen Bewegungen,
indem sie ihm fröhlich entgegeneilte.
„Priscilla! Warum muß ich Dich
meiden?" folgten seine Betrachtungen
auf einander, „warum mußten die fin-
steren Dämonen unberechtigten Hoch-
muthes und nie schlummernder Gewinn-
sucht zwischen uns treten? Priscilla!
Wie lauten die Urtheile, welche man Dir
über den gewissenlosen Flüchtling zu-
raunt? Wie lautet Dein eigenes über
den Freund, der es nicht einmal der Mühe
für Werth hielt, Dir ein letztes Lebe-
wohl zuzurufen? Es konnte ja nicht
anders sein: trugst Du mein Bild in
Deinem Herzen, so mußte es niit rauher
Hand zerstört werden. Was aus ihm
wird, der mit Freuden sein Leben für
Deine Wohlfahrt hingäbe, es fällt nicht
in die Wagschale. Es ist ja kein zu
hoher Preis für Deine Ruhe, für Deinen
Seelenfrieden. Priscilla! Lebe wohl, lebe
glücklich! Mögen nie andere Thronen,
als die einer reinen Freude, Deine lieben
Augen trüben, keine andere Regung den
Schlag Deines Herzens beschleunigen,
als die einer heiteren Zufriedenheit.
Priscilla, lebe wohl! Mögest Du nie

eine Maschine sollte er verwandelt werden, in einen
Das Eoaabuck des Lamtains Cileicknaer willenlosen Gegenstand, dessen Form und Inhalt nur
vuo LVWVUUI vev Zahlen abhängig, und das zu ertragen überstieg
seine Kräfte. Er vergegenwärtigte sich die herben Er-
fahrungen, welche er seit seiner Flucht gemacht, er ver-
gegenwärtigte sich die widrigen Lagen, in die zu be-
geben die Nothwendigkeit ihn zwang, die Rohheiten,
deren Zeuge er gewesen. Unwillkürlich fragte er sich,
ob, wenn noch einmal ans jene Grenze gestellt, seine
Entscheidung eine andere sein würde.
„Niemals, niemals," vibrirte es in seinem Innern,
„niemals; es sei denn —" schwerfällig richtete er sich
auf und: „Priscilla" floß es leise und innig von seinen
Lippen.
Wie lange er in dumpfes Grübeln versenkt da-
gesessen hatte, er wußte es nicht. Aber der Tag graute
und damit fiel das Lichten des Nebels zusammen. Bald
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