Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 21.1886

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Das Loggbuch des Kapitams Eisenfinger.
Roman
^on
Balduin Möllhausen.
(Fortsetzung.) ,
I (Nachdruck verboten.)
roßartig," schrieb Barnabas Rostig Wei-
ter, „hätte der Ausreißer nur angefügt,
wen ich zuerst erwarten soll, ob den Prima-
Wechsel mit ihm, oder den Sekunda-
- Wechsel allein. Da muß ich die Parchend
zu Rathe ziehen" — roth unterstrichen — „denn mit
ihm zusammentreffen darf Priscilla nicht. Das hieße
ein Verhängniß heraufbeschwören. Vielleicht logiren
wir sie bei ihrer Mutter ein, bis der
Himmel sich wieder aufgeklärt hat. Und
doch bessert das nichts. Sie würde täg-
lich zweimal hier anlaufen, da wäre
die Gefahr noch größer. Man könnte
sie auch dem hochwürdigen Nathanael
schicken; hat der sie aber einmal bei sich,
so gibt er sie nicht wieder heraus, wenig-
stens nicht gutwillig. Es bleibt dabei:
die Parchend!" — drei rothe Aus-
rufungszeichen.
„Wie wird das enden? In diesem
Ausreißer steckt mehr von seinem Vater,
als man glauben sollte.' Keine Silbe
schreibt er von seinen Eltern, nichts von
den hochwürdigen Nathanaels. Auf alle
Fälle sitzt Kern in dem Burschen: lieber
untergehen, als zurückweichen, wo er sich
im Rechte fühlt. Wundern sollt's mich
nicht, ginge er am dritten Tage wieder
nach See zu, wohin allerdings der recht-
schaffenste Theil des Menschengeschlechts
gehört. Wüßte ich den Tag seines Ein-
treffens, so machte die Angelegenheit sich
leichter. Die Parchend ist meine Hoff-
nung; sie muß Rath schaffen auf die
eine oder andere Art."
Damit schlossen die Aufzeichnungen
des heutigen ereignißreichen Tages. Nach-
dem Barnabas Rostig das Loggbuch ge-
hörig versichert und die Thüre ent-
riegelt hatte, füllte er seinen Kalkstummel
bedächtig. Ebenso bedächtig benutzte er
Demetrius' Brief zum Anzünden; dann
setzte er sich feierlich in Bewegung. Ein-
tönig hallten seine schweren Schritte
in dem stillen Gemach, eintönig, wie
das grämliche Ticken der unförmlichen
Wanduhr, nach welchem er scheinbar
den Takt seiner Bewegungen regelte.
Wie es da Wohl hinter der gesenkten
breiten Stirne wirkte und arbeitete, um
einen Ausweg aus einem wahren Laby-
rinth von Schwierigkeiten zu entdecken!

Wie es wohl schmerzhaft in dem alten Herzen zuckte,
indem der sonst so unverfrorene Kapitain Eisenstnger
kleinmüthig alle Möglichkeiten, die guten wie die schlech-
ten, erwog und deren Folgen sich vergegenwärtigte!
Todte und Lebendige zogen vor seinem Geiste vorüber.
Diese wie jene lohnten ihn mit freundlichen Blicken und
aufmunternden Worten; aber Keiner befand sich unter
ihnen, der ihm einen guten Rath ertheili oder seine
besseren Hoffnungen angeregt, seine Niedergeschlagenheit
verscheucht hätte.
In seinem trüben Sinnen störte ihn Priscilla, die
der Frau Parchend Einladung zum Thee überbrachte.
Erleichtert athmete er auf. Verscheucht waren die Ge-
spenster, die ihn eben noch marterten und ängstigten.
Angesichts der lieblichen Erscheinung, die mit so viel
jungfräulicher Anmuth auf ihn zueilte, kindlich zu-
traulich sich an ihn anschmiegte, beschlich ihn ein eigen-

thümliches Gefühl der Zuversicht. Heiter bot er ihr
daher den Arm, um sich von ihr nach der Frau Par-
chend geheiligten Wohnräumen führen zu lassen.
Das Mahl verlief in gewohnter Weise. Fröhlich
waren alle Drei, fast zu fröhlich, um es als den wahren
Ausdruck ihrer Empfindungen betrachten zu dürfen.
Barnabas Rostig wußte des Erzählens kein Ende; aber
die Hast, mit welcher er ein lustiges Garn an das
andere anknüpfte, trug einen gewissen Charakter des
Fieberhaften, während Frau Parchend, trotz des überaus
verbindlichen Lächelns, die Sorgenfalten auf ihrer Stirn
nicht zu glätten vermochte, und Priscilla selbst bei den
muthwilligsten Bemerkungen die Blicke der beiden alten
Hausgenossen ängstlich mied.
Wie es aber an dem heutigen Abend gewesen, blieb
es die folgenden Tage. Eine Ahnung drohenden Un-
heils schien sich auf die Gemüther gesenkt, den ersten
Keim zu gegenseitigem Mißtrauen in's
Leben gerufen zu haben. Das gefällige
Begegnen hatte zwar keine Wandlung
erfahren, dennoch aber machte sich ein
gewisser Zwang geltend, indem Jeder
glaubte, vor dem Anderen irgend etwas
verheimlichen zu müssen. Bei Barnabas
Rostig erreichte die Unruhe eine solche
Höhe, daß er sogar das Loggbuch ver-
nachlässigte. Hätte er doch nur Peinliche
Gedanken und Befürchtungen eintragen
können. Denn die eifrigen Berathungen
mit der Parchend, zu welchen Pris-
cilla's Besuche bei ihrer Mutter Gelegen-
heit boten, lieferten in den ersten beiden
Tagen kein änderes Ergebniß , als daß
jeder neue Plan, einer Begegnung Pris-
cilla's mit dem Ausreißer vorzubeugen,
alsbald wieder als unpraktisch verworfen
wurde. —
Der dritte Tag war in's Land ge-
kommen, als Barnabas Rostig in der
stillen Hoffnung, während des Schreibens
durch einen großartigen Einfall erleuch-
tet zu werden, endlich wieder einmal zur
Feder griff. Priscilla hatte sich zur
Mutter hinaus begeben. Eine Stunde
dauerte es mindestens noch bis zum
Mittagessen; da konnte für ein sorgen-
belastetes Gemüth die Zeit bis dahin
in der That nicht besser ausgefüllt wer-
den, als indem es sich in die Verewigung
ernster Betrachtungen versenkte.
„Armer, geplagter Barnabas," be-
gannen die heutigen Aufzeichnungen,
„aber je mehr Sorgen, um so fester
wächst das Kind mir an's Herz. Der
praktische Sinn der Parchend reicht eben-
falls nicht über menschliches Vermögen
hinaus. Heute sind wir nicht klüger, als
vor drei Tagen. Geht das so fort, so
überfällt uns der Ausreißer eines Tages
wie ein Wirbelsturm, und da sitzen wir.
Noch eine Woche, und wir mögen stündlich

Hermann Winkclmann.
Nach einer Photographie gezeichnet von C. Kokb. (S. 387)
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