Hrst 20.
nchtet, diente früher den Päpsten als Sommerresidenz, ging
ledoch nach dem 20. September 1870 in den Besitz der italie-
stftchen Regierung über und ist gegenwärtig der Wohnsitz der
königlichen Familie. In den prächtigen, ganz neu und mo-
rfrn. ailsgestatteten Gemächern und Sälen dieses Fürsteu-
schlosses werden auch alle Hoffestlichleiten abgehalteu, und
wir ftihren unsere Leser anläßlich eines Hofballes in die Räume
des Quiriuals ein. Karten zu einer solchen Festlichkeit sind von
anständigen, der Präfektur des Palastes oder dem Marschall-
amt empfohlenen Fremden leicht zu erlangen. Von dem Haupt-
portal an der Piazza di Monte Cavallo gelangt man in den
Maßen Arkadenhof, und eine mit prächtigen Topfgewächsen
geschmückte Treppe hinauf in den großen Schweizersaal, der
zur Aufbewahrung der Ueberröcke, Mäntel rc. eingerichtet ist,
sind sodann durch eine Flucht von mehr als zwanzig Gemächern
m den großen Tanzsaal. Derselbe hat keine Tribünen, nur
em kleiner Balkon, der für die Musikanten bestimmt ist, ragt
an einer Schmalseite des gewölbten, barok verzierten und in
Weiß und Gold mit rother Drapirung gehaltenen Raumes
heraus. Drei riesige Krystallkronen übergießen den Saal
mit blendendem Licht. Dreifache Reihen roth ausgeschlagener
Bänke ohne Lehnen theilen vom ganzen Raume ein kleines
Quadrat für die tanzlustigen Paare ab; auf diesen Bänken
nehmen die eingcladenen Damen ohne jeglichen Unterschied
des Ranges Platz, und nur an der einen Seite stehen zwei
Qessel für das königliche Paar, zur Rechten derselben die
Stuhlreihen für die Gemahlinnen der Botschafter, der Inhaber
des Großkordons des Annunciaten-Ordens, sowie für die
Palastdamen, zur Linken der königlichen Sessel einige Bänke
für Botschafter und Minister. Die Festgesellschast bietet nicht
Men glänzenden Anblick strahlender Uniformen, wie in Berlin
oder Wien, da in Italien mit Ausnahme des dienstthuenden
Adjutanten und der Offiziere alle Herren, selbst der König,
im nüchternen schwarzen Frack erscheinen. Der Hauptmoment
des Hofballes, den auch unsere Illustration auf S. 468 und
469 wiedergiebt, ist natürlich der des Eintrittes des Königs-
paares. Freundlich nach allen Seiten grüßend tritt König
Humbert, seine Gemahlin Margherita am Arme, gegen
1-11 Uhr durch die dem Orchester gegenüber liegende Thüre
in den Saal und schreitet unter den Klängen der »Naroia
i-suIsF des Königsmarsches, auf seinen Sessel zu, auf dem er
neben der anmuthigen Königin Platz nimmt und sofort ein
Gespräch mit den Ministern, den Botschaftern w. beginnt.
Die Ehrenquadrille, au der sich auch die königlichen Herr-
schaften betheiligen, leitet den Ball ein und bald herrscht,
während das junge Volk tanzt, unter den Gruppen der klebri-
gen völlig zwanglose Unterhaltung. Zahllose kleine Büffets
bieten Stärkung für die ermatteten Lebensgeister; die großen
Büffets jedoch öffnen sich erst nach Mitternacht, nachdem die
Majestäten sich zurückgezogen haben. Ist dies geschehen, so
beginnen im großen Büffetzimmer bei den kostbarsten Speisen
und Weinen für die Feinschmecker die Freuden der Tafel, im
großen Saale aber die süßen Ritterspiele des Kotillous für
die Jugend, bis endlich die vorrückende Zeit die ermatteten
Gäste von dannen treibt.
Wismar.
(Siehe das Bild auf Seite 472.)
Eine der ältesten und geschichtlich denkwürdigsten Städte
Nieder-Deutschtauds ist die einstige Hansestadt Wismar, von
der wir auf S. 472 unseren Lesern eine von der Seeseite
aus aufgenommeue Ansicht bieten. Gelegen an der Südspitze
einer Bucht, welche durch die Inseln Poel und Liepp wohl-
geschützt und daher eitler der besten und sichersten Häfen der
Ostsee ist, steht noch jetzt Wismar mit seinen 16,000 Ein-
wohnern von allen mecklenburgischen Handelsstädten nur Rostock
nach. Noch immer läßt die ziemlich regelmäßig gebaute Stadt
mit ihren vier Thoren erkennen, daß sie früher befestigt ge-
wesen, obwohl ihre Festungswerke schon im Jahre 1718 ge-
schleift worden sind, überhaupt gewinnt der Fremde beim
ersten Anblick den Eindruck, daß er ein an historischen Er-
innerungen reiches Gemeinwesen vor sich hat, dessen ehemalige
Bedeutung besonders die vier stattlichen Kirchen, die zahl-
reichen guten Lehranstalten, sowie die mannigfachen Vorrechte,
deren sich die Stadt noch heutzutage erfreut, wie die eigene Ge-
richtsbarkeit, die eigene Flagge, die Hafen-, Strand- und Zoll-
gerechtigkeit rc. wiederspiegeln. Drei von den Kirchen sind
auch architektonisch bemerkenswerth, namentlich die Biarien-
kirche, im 13. Jahrhundert begonnen, mit einem 288 Fuß
hohen Thurm; die Georgenkirche, aus dem 14. und 15. Jahr-
hundert, und die Nikolaikirche aus dem 15. Jahrhundert
mit reicher Ornamentik. Unter den übrigen öffentlichen Bauten
sind noch hervorzuheben das mächtige alte Rathhaus mit
schönen Sälen und gothischem Kellergewölbe; der Fürsten-
hof von 1554, ehemals fürstliche Residenz, jetzt Sitz von
Behörden, ein Meisterwerk der Renaissance; ferner die „alte
Schule", aus dem 14. Jahrhundert, und das hübsche Schau-
spielhaus. Die gewerbliche Thätigkeit ist sehr vielseitig und
umfaßt viele Fabriken, welche für die Ausfuhr arbeiten. Die
beiden Jahrmärkte sind ungemein besucht und einer derselben
war früher für den Welthandel sehr wichtig. Die Lehran-
stalten (worunter Gymnasium, Real- und Navigationsschule)
erfreuen sich eines vorzüglichen Rufes. Die Entstehung
der Stadt reicht in das 12. Jahrhundert zurück; Wismar
erhielt 1229 das schwerinische, 1266 das lübische Stadt-
recht, trat in den Hansabund und wurde eine bedeutende
Stadt, die erst im 16. Jahrhundert wieder zurückging. Im
Jahre 1301 kam es an Mecklenburg, 1376 verlor es
gegen zehntausend Menschen an der Pest; im westphälischen
Frieden 1649 kamen Stadt und Herrschaft Wismar an Schwe-
den und blieben schwedisch bis 1803, wo Schweden seinen
Besitz an Mecklenburg-Schwerin um 1'/- Million Thaler ver-
pfändete, der dann 1815 endgiltig au Mecklenburg kam. Im
17. und 18. Jahrhundert hat die Stadt manche Kriegsdrang-
fale erlitten, von denen sie sich nur schwer erholte; aber neuer-
dings nimmt sie wieder einen erfreulichen Ansschwung.
Das Buch für Alle.
471
DieLchnecstiirme in den Dramen tlordamerika's.
(Siche das Bild aus Seite 473.)
Ziemlich die Mitte des nordamerikanischeu Kontinentes
nimmt jene ungeheure Region der Grasfluren (Prairien) und
Steppen (Plains) ein, die sich vom Mississippi bis zu den
Felsengebirgen und von den großen kanadischen Seen bis in
das Innere von Texas ausbreitet. Diese Region enthält keine
Gebirgszüge, sondern nur zahlreiche, zum Thcil weit aus-
gedehnte Erdanschwellungen, zwischen denen weite Strecken
vollkommen ebener, kaum leicht gewellter Bodenfläche vor-
kommen, und während die Prairie noch hier und da Baum-
gruppen und Gebüsche, sowie prächtiges Gras und einen
dichten Blumenteppich zeigt, sind die Steppen ganz und gar
baumlos, oft kaum mit kurzem, struppigem Büffelgras bedeckt
und daher ausschließlich nur zur Viehweide geeignet. Als
Viehweide wird auch meistens noch die Prairie benutzt, obgleich
man seit zwei Jahrzehnten große Strecken davon unter den
Pflug genommen und, bei der Fruchtbarkeit des Bodens,
reiche Erträge erzielt hat. Was jedoch dem Gedeihen der
Farmer in diesen Regionen die größten Schmierigkeiten ent-
gegensetzt, das ist im Sommer die Heuschreckenplage, im Winter
der „Blizzard", d. h. jener diesen Regionen eigenthllmliche,
von Nordwesten kommende, bis nach Texas hiuunterstrei-
chende und von einer plötzlichen, ganz enormen Temperatur-
erniedrigung begleitete Schneesturm, der in jedem Winter
ein- oder auch mehrere Male auszutreten pflegt und zumal
unter den auf den freien Ebenen ihm ungeschützt preisgegebeuen
Viehheerden große Verheerungen anrichtet. Besonders der
letzte Winter hat sich in dieser Hinsicht den Farmern und
Viehzüchtern im Westen der vereinigten Staaten furchtbar
gemacht. Mehrere „Blizzards" traten auf, die Tage laug
anhielten, die Verbindung zwischen den einzelnen, zerstreut
liegenden Farmen vollständig unterbrachen und die Bewohner
in große Noth brachten. Wer keine Vorräthe au Lebens-
mitteln hatte, war dem Verhungern ausgesetzt, denn während
des Sturmes bis zum nächsten Städtchen vorzudringen, war
nur unter höchster Lebensgefahr mögliche Thatsächlich sind
denn auch bei solchen Versuchen zahlreiche Menschen erfroren,
während das Vieh zu Zehutausenden, vielleicht Hunderttausen-
den — der Gesammtverlust ist noch nicht geschätzt worden —
zu Grunde gegangen ist. Ungefähr 4,000,000 Stück Rind-
vieh weiden auf diesen Ebenen, und man rechnet als jähr-
lichen unvermeidlichen Durchschnittsverlust infolge von „Bliz-
zards" 2,75 Prozent oder etwa 11,000 Stück. Im letzten
Winter jedoch haben die Schnecstürme fürchterliche Verhee-
rungen angerichtet, und mancher kleine Farmer hat all' sein
Vieh verloren. Unsere Illustration auf S. 473 zeigt uns
eine solche vom Schneesturm überfallene Rinderheerde. Die
Mehrzahl der Thiere hält noch, mit gesenktem Kopfe und
brüllend vor Angst, dem Unwetter Stand, aber die immer
schneidender werdende Kälte, die Erschöpfung, der Nahrungs-
mangel haben bereits viele niedergeworfeu und nur noch
wenige Stunden wird es dauern, so sind sie erstarrt und
todt. Auch dem Rest der Heerde steht, wenn nicht bald der
Sturm nachläßt, ein ähnliches Schicksal bevor. Glücklicher-
weise sind so harte Winter, wie der letzte, selten, sonst wäre
es mit der Viehzucht in jenen Gegenden bald ganz vorbei.
Uebrigens wird von Jahr zu Jahr mehr von dieser Prairie-
weide in fruchttragendes Ackerland verwandelt, und in je
größerem Maßstabe dies geschieht, um so geringer werden
die den Farmern aus den Schneestürmen erwachsenden Verluste
und Gefahren.
Die Vermählung des Prinzen Wilhelm non
Württemberg mit der Prinzessin Charlotte non
Schaumburg-Lippe.
(Siche die 2 Porträts auf Seite 476.)
Am 8. April hat in dem alten Stammschlosse des Schaum-
burg-Lippe'scheu Hauses zu Bückeburg die Vermählung des
fürstlichen Paares stattgefunden, dessen Porträts wir unseren
Lesern auf S. 476 bieten, nämlich des Prinzen Wilhelm,
präsumtiven Thronfolgers von Württemberg, mit der Prin-
zessin Charlotte von Schaumburg-Lippe, einer Nichte des
regierenden Fürsten Adolph. Es sind beinahe vier Jahre
her, als die erste, so überaus glückliche Ehe des Prinzen
Wilhelm mit der Prinzessin Marie von Waldeck durch einen
jähen Tod derselben getrennt wurde. Bei der tiefen Trauer,
welcher sich der Prinz seitdem hingab, und dein zurückgezogenen
Leben, welches er führte, besorgte man in Württemberg schon,
daß er sich nicht mehr zu vermählen gedenke, und die Nach-
richt von seiner Verlobung erregte daher im ganzen Lande
um so größere und aufrichtigere Freude. Prinz Wilhelm ist
am 25. Februar 1848 geboren. Seine Eltern waren Prinz
Friedrich (gest. 9. Mai 1870), der Neffe, und Prinzessin
Katharina (geb. 24. August 1821), die Tochter des verstor-
benen Königs Wilhelm von Württemberg; da die Ehe des
regierenden Königs Karl I. und der Königin Olga kinderlos
geblieben, so ist Prinz Wilhelm zugleich der präsumtive Thron-
erbe von Württemberg. Er erhielt unter der Leitung des
Hosraths v. Günther und später des Hauptmanns v. Linck
eine durchaus gediegene Erziehung, die er auf der 1865 be-
zogenen Universität Tübingen vervollständigen sollte, als ihn
der Ausbruch des Krieges von 1866, den er als Lieutenant
im 3. Reiterregiment der württembergischen Division mit-
machte, von den Studien abrief. Im Herbst 1866 begab er
sich behufs rechts- und staatswissenschaftlicher Studien auf
zwei Jahre nach Göttingen, brachte dann noch ein Semester
in Tübingen zu und trat 1869 als Premierlieutenant beim
1. Garderegiment zu Fuß in Potsdam ein, um den Dienst
und die Organisation des preußischen Heerwesens aus das
Genaueste kennen zu lernen. Den deutsch-französischen Krieg
machte Prinz Wilhelm im Stabe des deutschen Kronprinzen
mit, begab sich nach dem Friedensschluß wiederum nach Pots-
dam, that als Rittmeister Dienst bei den Gardehusaren und
rückte noch in demselben Jahre zum Eskadronsches vor. 1872
avancirte er zum Major, versah als solcher eine Zeit lang
den Dienst beim 2. preußischen Garde-Dragonerreginient in
Berlin und ward 1874 mit der Führung des Garde-Husaren-
regiments betraut, dessen Kommandeur gegenwärtig Prinz
Wilhelm von Preußen ist. Im Mai 1875 führte er das
Regiment bei der großen Parade den Kaisern von Rußland
und Deutschland vor, womit er zugleich als Oberst a la onito
von demselben Abschied nahm. Der Prinz ist jetzt, ohne ein
aktives Ärmeekommando zu bekleiden, württembergischer Ge-
uerallieutenant und preußischer Generallientenant a la suita
des Garde-Husarenregiments, ferner Inhaber des württem-
bergischen 2. Dragonerregiments Nr. 26, dessen Chef sein
verstorbener Vater, Prinz Friedrich, früher gewesen war, und
Chef des russischen Dragonerregimeuts Nr. 10 von Nowgorod.
Am 15. Februar 1877 vermählte sich der Prinz mit der
Prinzessin Marie von Waldeck, die ihm — wie schon er-
wähnt — am 30. April 1882 durch den Tod entrissen wurde
und nur ein Töchterchen, Prinzessin Pauline (geb. 19. Dezem-
ber 1877) hinterließ, nachdem ein Sohn, Prinz Ulrich, geb.
am 29. Juli 1880, schon am 28. Dezember desselben Jahres
wieder gestorben war.—Die Eltern der nunmehrigen jungen Ge-
mahlin des Prinzen Wilhelm sind Prinz Wilhelm van Schaum-
burg-Lippe (geb. 12. Dezember 1834), österreichischer General-
major, erbliches Mitglied des Wiener Herrenhauses und
einziger Bruder des regierenden Fürsten Adolph von Schaum-
burg-Lippe, und dessen Gemahlin, Prinzessin Bathildis von
Anhalt (geb. 29. Dezember 1837). Die ausgedehnten böh-
mischen Besitzungen des Prinzen Wilhelm von Schaumburg-
Lippe erstrecken sich im Norden bis zur preußischen Grenze
und südlich hinab bis über Schweinschädel. Das fürstliche
Paar residirt im Sommer auf Schloß Ratiboritz bei Skalitz
und im Winter aus Schloß Nachod, dem ehemaligen Her-
rensitze der Piccolomini. Auf Schloß Ratiboritz ist Prinzeß
Charlotte am 10. Oktober 1864 geboren; während ihre Er-
ziehung unter den Augen ihrer hohen Eltern von ausgezeich-
neten Lehrkräften geleitet wurde, erwuchs sie zu einer anmuth-
vollen Erscheinung, deren liebreizende Züge und gewinnen-
des Wesen überall Sympathien erwecken. Wie die Freude
ihrer Eltern und ihrer sechs jüngeren Geschwister, so war
sie bisher der Stolz der ganzen Herrschaft und Stadt Nachod,
wo mau sie nur ungern hat scheiden sehen und wo die ge-
jammte Bevölkerung ihr vor ihrer Abreise große Ovationen
darbrachte. — Wie schon erwähnt, hat die Vermählung des
Prinzen Wilhelm und der Prinzessin Charlotte am 8. April
in Bückeburg stattgefunden. Am Abend des 6. April brachte
die dortige Bürgerschaft dem Brautpaar einen glänzenden
Fackelzug, wobei Oberbürgermeister Burchard ein mit Ent-
husiasmus aufgenommenes Hoch auf das Brautpaar aus-
brachte, welches mit den übrigen Fürstlichkeiten vom Balkon
des Residenzschlosses aus dem hübschen Schauspiel zusah.
Ani 8. fand alsdann um 3 Uhr Nachmittags im Garten-
saale des Schlosses die Civiltrauuug statt, wobei Regierungs-
präsident Spring als Standesbeamter sungirte; uni 5 Uhr
wurde in der Schlosskirche in Gegenwart zahlreicher fürstlicher
Gäste die kirchliche Trauung durch Hofprediger Merzyn voll-
zogen. Nachher empfingen die Neuvermählten die Glückwünsche
des Hofes und fand im Gartensaal eine Defilircour statt.
Die hierauf folgende Galatafel wurde in dem goldenen und
im weißen Saal des Schlosses abgehalten und der regierende
Fürst Adolph Georg brachte dabei daS Hoch auf die Neuver-
mählten aus. Dieselben reisten dann gegen 9 V- Uhr Abends
mittelst Extrazuges nach Hannover ab. Von dort begaben
sie sich am folgenden Tage nach Arolsen, wo Prinz Wilhelm
seine junge Frau den Eltern seiner verstorbenen Gemahlin
vorstellte. Am 13. April hielt das Neuvermählte Paar seinen
feierlichen Einzug in Stuttgart, woselbst es von den städti-
schen Behörden, wie von der ganzen Bevölkerung anf's Herz-
lichste begrüßt wurde. Nach nur kurzem Aufenthalt in
Stuttgart reiste Prinz Wilhelm mit seiner jungen Gemahlin
nach Nizza, um sich dem zur Zeit dort weilenden württem-
bergischen Königspaarc vorzustellen. Am 26. April beab-
sichtigen die Neuvermählten dann wieder nach Stuttgart zu-
rückzukehren, woselbst mehrere größere Festlichkeiten ihnen zu
Ehren stattfinden sollen.
Siesta.
(Siehe das Bild aus Seite 477.)
Das hübsche Bild auf Seite 477 führt uns zwei junge
Damen vor Äugen, die sich nach eingenommener Mittags-
mahlzeit unter grünen Bäumen im schwellenden Grase jenem
Zustande halb träumender, halb wachender Beschaulichkeit
hingeben, den man im „glücklichen Kampanien" äolos kar nisvto,
im sonnigen Spanien Siesta genannt hat. Die Wonnen einer
solchen Siesta aber kann inan — selbst wenn man das weichste
Kanapee besäße — nicht daheim genießen, sondern nur in der
Sommerfrische, wo versteckte Plätzchen im Garten, Park oder
Walde an den heißen Juli- und Augustnachmittagen zu welt-
vergessener Ruhe locken und wo man, umfächelt von schmei-
chelnden Lüsten und dem Duste der Blumen, eingesungen von
den heiteren Weisen der Vögel und dem Summen der In-
sekten, in einen Zustand des Schlafwachens verfällt, der uns
allen Sorgen und Plagen des täglichen Lebens entrückt nnd
in eine selbstgeschasfene Welt flüchtiger, aber reizvoller und
füßer Traumgebilde versetzt. Das allein ist eine wahre Siesta,
die freilich dem Mittel-Europäer bei seinen rastlosen, jedem
ruhigen, beschaulichen Genuß abholden Lebensgewohnheiten
und den ungünstigen klimatischen Verhältnissen nur selten zn
Theil wird, dann aber auch um so köstlicher ist. Auch die
beiden jungen Mädchen auf unserem Bilde geben sich ganz
ihren angenehmen Träumen in herrlicher Waldeinsamkeit hin,
während der brave Neufundländer Wache hält, damit ja
kein indiskreter Beobachter sich nahe und die beiden Schönen
überrasche.
nchtet, diente früher den Päpsten als Sommerresidenz, ging
ledoch nach dem 20. September 1870 in den Besitz der italie-
stftchen Regierung über und ist gegenwärtig der Wohnsitz der
königlichen Familie. In den prächtigen, ganz neu und mo-
rfrn. ailsgestatteten Gemächern und Sälen dieses Fürsteu-
schlosses werden auch alle Hoffestlichleiten abgehalteu, und
wir ftihren unsere Leser anläßlich eines Hofballes in die Räume
des Quiriuals ein. Karten zu einer solchen Festlichkeit sind von
anständigen, der Präfektur des Palastes oder dem Marschall-
amt empfohlenen Fremden leicht zu erlangen. Von dem Haupt-
portal an der Piazza di Monte Cavallo gelangt man in den
Maßen Arkadenhof, und eine mit prächtigen Topfgewächsen
geschmückte Treppe hinauf in den großen Schweizersaal, der
zur Aufbewahrung der Ueberröcke, Mäntel rc. eingerichtet ist,
sind sodann durch eine Flucht von mehr als zwanzig Gemächern
m den großen Tanzsaal. Derselbe hat keine Tribünen, nur
em kleiner Balkon, der für die Musikanten bestimmt ist, ragt
an einer Schmalseite des gewölbten, barok verzierten und in
Weiß und Gold mit rother Drapirung gehaltenen Raumes
heraus. Drei riesige Krystallkronen übergießen den Saal
mit blendendem Licht. Dreifache Reihen roth ausgeschlagener
Bänke ohne Lehnen theilen vom ganzen Raume ein kleines
Quadrat für die tanzlustigen Paare ab; auf diesen Bänken
nehmen die eingcladenen Damen ohne jeglichen Unterschied
des Ranges Platz, und nur an der einen Seite stehen zwei
Qessel für das königliche Paar, zur Rechten derselben die
Stuhlreihen für die Gemahlinnen der Botschafter, der Inhaber
des Großkordons des Annunciaten-Ordens, sowie für die
Palastdamen, zur Linken der königlichen Sessel einige Bänke
für Botschafter und Minister. Die Festgesellschast bietet nicht
Men glänzenden Anblick strahlender Uniformen, wie in Berlin
oder Wien, da in Italien mit Ausnahme des dienstthuenden
Adjutanten und der Offiziere alle Herren, selbst der König,
im nüchternen schwarzen Frack erscheinen. Der Hauptmoment
des Hofballes, den auch unsere Illustration auf S. 468 und
469 wiedergiebt, ist natürlich der des Eintrittes des Königs-
paares. Freundlich nach allen Seiten grüßend tritt König
Humbert, seine Gemahlin Margherita am Arme, gegen
1-11 Uhr durch die dem Orchester gegenüber liegende Thüre
in den Saal und schreitet unter den Klängen der »Naroia
i-suIsF des Königsmarsches, auf seinen Sessel zu, auf dem er
neben der anmuthigen Königin Platz nimmt und sofort ein
Gespräch mit den Ministern, den Botschaftern w. beginnt.
Die Ehrenquadrille, au der sich auch die königlichen Herr-
schaften betheiligen, leitet den Ball ein und bald herrscht,
während das junge Volk tanzt, unter den Gruppen der klebri-
gen völlig zwanglose Unterhaltung. Zahllose kleine Büffets
bieten Stärkung für die ermatteten Lebensgeister; die großen
Büffets jedoch öffnen sich erst nach Mitternacht, nachdem die
Majestäten sich zurückgezogen haben. Ist dies geschehen, so
beginnen im großen Büffetzimmer bei den kostbarsten Speisen
und Weinen für die Feinschmecker die Freuden der Tafel, im
großen Saale aber die süßen Ritterspiele des Kotillous für
die Jugend, bis endlich die vorrückende Zeit die ermatteten
Gäste von dannen treibt.
Wismar.
(Siehe das Bild auf Seite 472.)
Eine der ältesten und geschichtlich denkwürdigsten Städte
Nieder-Deutschtauds ist die einstige Hansestadt Wismar, von
der wir auf S. 472 unseren Lesern eine von der Seeseite
aus aufgenommeue Ansicht bieten. Gelegen an der Südspitze
einer Bucht, welche durch die Inseln Poel und Liepp wohl-
geschützt und daher eitler der besten und sichersten Häfen der
Ostsee ist, steht noch jetzt Wismar mit seinen 16,000 Ein-
wohnern von allen mecklenburgischen Handelsstädten nur Rostock
nach. Noch immer läßt die ziemlich regelmäßig gebaute Stadt
mit ihren vier Thoren erkennen, daß sie früher befestigt ge-
wesen, obwohl ihre Festungswerke schon im Jahre 1718 ge-
schleift worden sind, überhaupt gewinnt der Fremde beim
ersten Anblick den Eindruck, daß er ein an historischen Er-
innerungen reiches Gemeinwesen vor sich hat, dessen ehemalige
Bedeutung besonders die vier stattlichen Kirchen, die zahl-
reichen guten Lehranstalten, sowie die mannigfachen Vorrechte,
deren sich die Stadt noch heutzutage erfreut, wie die eigene Ge-
richtsbarkeit, die eigene Flagge, die Hafen-, Strand- und Zoll-
gerechtigkeit rc. wiederspiegeln. Drei von den Kirchen sind
auch architektonisch bemerkenswerth, namentlich die Biarien-
kirche, im 13. Jahrhundert begonnen, mit einem 288 Fuß
hohen Thurm; die Georgenkirche, aus dem 14. und 15. Jahr-
hundert, und die Nikolaikirche aus dem 15. Jahrhundert
mit reicher Ornamentik. Unter den übrigen öffentlichen Bauten
sind noch hervorzuheben das mächtige alte Rathhaus mit
schönen Sälen und gothischem Kellergewölbe; der Fürsten-
hof von 1554, ehemals fürstliche Residenz, jetzt Sitz von
Behörden, ein Meisterwerk der Renaissance; ferner die „alte
Schule", aus dem 14. Jahrhundert, und das hübsche Schau-
spielhaus. Die gewerbliche Thätigkeit ist sehr vielseitig und
umfaßt viele Fabriken, welche für die Ausfuhr arbeiten. Die
beiden Jahrmärkte sind ungemein besucht und einer derselben
war früher für den Welthandel sehr wichtig. Die Lehran-
stalten (worunter Gymnasium, Real- und Navigationsschule)
erfreuen sich eines vorzüglichen Rufes. Die Entstehung
der Stadt reicht in das 12. Jahrhundert zurück; Wismar
erhielt 1229 das schwerinische, 1266 das lübische Stadt-
recht, trat in den Hansabund und wurde eine bedeutende
Stadt, die erst im 16. Jahrhundert wieder zurückging. Im
Jahre 1301 kam es an Mecklenburg, 1376 verlor es
gegen zehntausend Menschen an der Pest; im westphälischen
Frieden 1649 kamen Stadt und Herrschaft Wismar an Schwe-
den und blieben schwedisch bis 1803, wo Schweden seinen
Besitz an Mecklenburg-Schwerin um 1'/- Million Thaler ver-
pfändete, der dann 1815 endgiltig au Mecklenburg kam. Im
17. und 18. Jahrhundert hat die Stadt manche Kriegsdrang-
fale erlitten, von denen sie sich nur schwer erholte; aber neuer-
dings nimmt sie wieder einen erfreulichen Ansschwung.
Das Buch für Alle.
471
DieLchnecstiirme in den Dramen tlordamerika's.
(Siche das Bild aus Seite 473.)
Ziemlich die Mitte des nordamerikanischeu Kontinentes
nimmt jene ungeheure Region der Grasfluren (Prairien) und
Steppen (Plains) ein, die sich vom Mississippi bis zu den
Felsengebirgen und von den großen kanadischen Seen bis in
das Innere von Texas ausbreitet. Diese Region enthält keine
Gebirgszüge, sondern nur zahlreiche, zum Thcil weit aus-
gedehnte Erdanschwellungen, zwischen denen weite Strecken
vollkommen ebener, kaum leicht gewellter Bodenfläche vor-
kommen, und während die Prairie noch hier und da Baum-
gruppen und Gebüsche, sowie prächtiges Gras und einen
dichten Blumenteppich zeigt, sind die Steppen ganz und gar
baumlos, oft kaum mit kurzem, struppigem Büffelgras bedeckt
und daher ausschließlich nur zur Viehweide geeignet. Als
Viehweide wird auch meistens noch die Prairie benutzt, obgleich
man seit zwei Jahrzehnten große Strecken davon unter den
Pflug genommen und, bei der Fruchtbarkeit des Bodens,
reiche Erträge erzielt hat. Was jedoch dem Gedeihen der
Farmer in diesen Regionen die größten Schmierigkeiten ent-
gegensetzt, das ist im Sommer die Heuschreckenplage, im Winter
der „Blizzard", d. h. jener diesen Regionen eigenthllmliche,
von Nordwesten kommende, bis nach Texas hiuunterstrei-
chende und von einer plötzlichen, ganz enormen Temperatur-
erniedrigung begleitete Schneesturm, der in jedem Winter
ein- oder auch mehrere Male auszutreten pflegt und zumal
unter den auf den freien Ebenen ihm ungeschützt preisgegebeuen
Viehheerden große Verheerungen anrichtet. Besonders der
letzte Winter hat sich in dieser Hinsicht den Farmern und
Viehzüchtern im Westen der vereinigten Staaten furchtbar
gemacht. Mehrere „Blizzards" traten auf, die Tage laug
anhielten, die Verbindung zwischen den einzelnen, zerstreut
liegenden Farmen vollständig unterbrachen und die Bewohner
in große Noth brachten. Wer keine Vorräthe au Lebens-
mitteln hatte, war dem Verhungern ausgesetzt, denn während
des Sturmes bis zum nächsten Städtchen vorzudringen, war
nur unter höchster Lebensgefahr mögliche Thatsächlich sind
denn auch bei solchen Versuchen zahlreiche Menschen erfroren,
während das Vieh zu Zehutausenden, vielleicht Hunderttausen-
den — der Gesammtverlust ist noch nicht geschätzt worden —
zu Grunde gegangen ist. Ungefähr 4,000,000 Stück Rind-
vieh weiden auf diesen Ebenen, und man rechnet als jähr-
lichen unvermeidlichen Durchschnittsverlust infolge von „Bliz-
zards" 2,75 Prozent oder etwa 11,000 Stück. Im letzten
Winter jedoch haben die Schnecstürme fürchterliche Verhee-
rungen angerichtet, und mancher kleine Farmer hat all' sein
Vieh verloren. Unsere Illustration auf S. 473 zeigt uns
eine solche vom Schneesturm überfallene Rinderheerde. Die
Mehrzahl der Thiere hält noch, mit gesenktem Kopfe und
brüllend vor Angst, dem Unwetter Stand, aber die immer
schneidender werdende Kälte, die Erschöpfung, der Nahrungs-
mangel haben bereits viele niedergeworfeu und nur noch
wenige Stunden wird es dauern, so sind sie erstarrt und
todt. Auch dem Rest der Heerde steht, wenn nicht bald der
Sturm nachläßt, ein ähnliches Schicksal bevor. Glücklicher-
weise sind so harte Winter, wie der letzte, selten, sonst wäre
es mit der Viehzucht in jenen Gegenden bald ganz vorbei.
Uebrigens wird von Jahr zu Jahr mehr von dieser Prairie-
weide in fruchttragendes Ackerland verwandelt, und in je
größerem Maßstabe dies geschieht, um so geringer werden
die den Farmern aus den Schneestürmen erwachsenden Verluste
und Gefahren.
Die Vermählung des Prinzen Wilhelm non
Württemberg mit der Prinzessin Charlotte non
Schaumburg-Lippe.
(Siche die 2 Porträts auf Seite 476.)
Am 8. April hat in dem alten Stammschlosse des Schaum-
burg-Lippe'scheu Hauses zu Bückeburg die Vermählung des
fürstlichen Paares stattgefunden, dessen Porträts wir unseren
Lesern auf S. 476 bieten, nämlich des Prinzen Wilhelm,
präsumtiven Thronfolgers von Württemberg, mit der Prin-
zessin Charlotte von Schaumburg-Lippe, einer Nichte des
regierenden Fürsten Adolph. Es sind beinahe vier Jahre
her, als die erste, so überaus glückliche Ehe des Prinzen
Wilhelm mit der Prinzessin Marie von Waldeck durch einen
jähen Tod derselben getrennt wurde. Bei der tiefen Trauer,
welcher sich der Prinz seitdem hingab, und dein zurückgezogenen
Leben, welches er führte, besorgte man in Württemberg schon,
daß er sich nicht mehr zu vermählen gedenke, und die Nach-
richt von seiner Verlobung erregte daher im ganzen Lande
um so größere und aufrichtigere Freude. Prinz Wilhelm ist
am 25. Februar 1848 geboren. Seine Eltern waren Prinz
Friedrich (gest. 9. Mai 1870), der Neffe, und Prinzessin
Katharina (geb. 24. August 1821), die Tochter des verstor-
benen Königs Wilhelm von Württemberg; da die Ehe des
regierenden Königs Karl I. und der Königin Olga kinderlos
geblieben, so ist Prinz Wilhelm zugleich der präsumtive Thron-
erbe von Württemberg. Er erhielt unter der Leitung des
Hosraths v. Günther und später des Hauptmanns v. Linck
eine durchaus gediegene Erziehung, die er auf der 1865 be-
zogenen Universität Tübingen vervollständigen sollte, als ihn
der Ausbruch des Krieges von 1866, den er als Lieutenant
im 3. Reiterregiment der württembergischen Division mit-
machte, von den Studien abrief. Im Herbst 1866 begab er
sich behufs rechts- und staatswissenschaftlicher Studien auf
zwei Jahre nach Göttingen, brachte dann noch ein Semester
in Tübingen zu und trat 1869 als Premierlieutenant beim
1. Garderegiment zu Fuß in Potsdam ein, um den Dienst
und die Organisation des preußischen Heerwesens aus das
Genaueste kennen zu lernen. Den deutsch-französischen Krieg
machte Prinz Wilhelm im Stabe des deutschen Kronprinzen
mit, begab sich nach dem Friedensschluß wiederum nach Pots-
dam, that als Rittmeister Dienst bei den Gardehusaren und
rückte noch in demselben Jahre zum Eskadronsches vor. 1872
avancirte er zum Major, versah als solcher eine Zeit lang
den Dienst beim 2. preußischen Garde-Dragonerreginient in
Berlin und ward 1874 mit der Führung des Garde-Husaren-
regiments betraut, dessen Kommandeur gegenwärtig Prinz
Wilhelm von Preußen ist. Im Mai 1875 führte er das
Regiment bei der großen Parade den Kaisern von Rußland
und Deutschland vor, womit er zugleich als Oberst a la onito
von demselben Abschied nahm. Der Prinz ist jetzt, ohne ein
aktives Ärmeekommando zu bekleiden, württembergischer Ge-
uerallieutenant und preußischer Generallientenant a la suita
des Garde-Husarenregiments, ferner Inhaber des württem-
bergischen 2. Dragonerregiments Nr. 26, dessen Chef sein
verstorbener Vater, Prinz Friedrich, früher gewesen war, und
Chef des russischen Dragonerregimeuts Nr. 10 von Nowgorod.
Am 15. Februar 1877 vermählte sich der Prinz mit der
Prinzessin Marie von Waldeck, die ihm — wie schon er-
wähnt — am 30. April 1882 durch den Tod entrissen wurde
und nur ein Töchterchen, Prinzessin Pauline (geb. 19. Dezem-
ber 1877) hinterließ, nachdem ein Sohn, Prinz Ulrich, geb.
am 29. Juli 1880, schon am 28. Dezember desselben Jahres
wieder gestorben war.—Die Eltern der nunmehrigen jungen Ge-
mahlin des Prinzen Wilhelm sind Prinz Wilhelm van Schaum-
burg-Lippe (geb. 12. Dezember 1834), österreichischer General-
major, erbliches Mitglied des Wiener Herrenhauses und
einziger Bruder des regierenden Fürsten Adolph von Schaum-
burg-Lippe, und dessen Gemahlin, Prinzessin Bathildis von
Anhalt (geb. 29. Dezember 1837). Die ausgedehnten böh-
mischen Besitzungen des Prinzen Wilhelm von Schaumburg-
Lippe erstrecken sich im Norden bis zur preußischen Grenze
und südlich hinab bis über Schweinschädel. Das fürstliche
Paar residirt im Sommer auf Schloß Ratiboritz bei Skalitz
und im Winter aus Schloß Nachod, dem ehemaligen Her-
rensitze der Piccolomini. Auf Schloß Ratiboritz ist Prinzeß
Charlotte am 10. Oktober 1864 geboren; während ihre Er-
ziehung unter den Augen ihrer hohen Eltern von ausgezeich-
neten Lehrkräften geleitet wurde, erwuchs sie zu einer anmuth-
vollen Erscheinung, deren liebreizende Züge und gewinnen-
des Wesen überall Sympathien erwecken. Wie die Freude
ihrer Eltern und ihrer sechs jüngeren Geschwister, so war
sie bisher der Stolz der ganzen Herrschaft und Stadt Nachod,
wo mau sie nur ungern hat scheiden sehen und wo die ge-
jammte Bevölkerung ihr vor ihrer Abreise große Ovationen
darbrachte. — Wie schon erwähnt, hat die Vermählung des
Prinzen Wilhelm und der Prinzessin Charlotte am 8. April
in Bückeburg stattgefunden. Am Abend des 6. April brachte
die dortige Bürgerschaft dem Brautpaar einen glänzenden
Fackelzug, wobei Oberbürgermeister Burchard ein mit Ent-
husiasmus aufgenommenes Hoch auf das Brautpaar aus-
brachte, welches mit den übrigen Fürstlichkeiten vom Balkon
des Residenzschlosses aus dem hübschen Schauspiel zusah.
Ani 8. fand alsdann um 3 Uhr Nachmittags im Garten-
saale des Schlosses die Civiltrauuug statt, wobei Regierungs-
präsident Spring als Standesbeamter sungirte; uni 5 Uhr
wurde in der Schlosskirche in Gegenwart zahlreicher fürstlicher
Gäste die kirchliche Trauung durch Hofprediger Merzyn voll-
zogen. Nachher empfingen die Neuvermählten die Glückwünsche
des Hofes und fand im Gartensaal eine Defilircour statt.
Die hierauf folgende Galatafel wurde in dem goldenen und
im weißen Saal des Schlosses abgehalten und der regierende
Fürst Adolph Georg brachte dabei daS Hoch auf die Neuver-
mählten aus. Dieselben reisten dann gegen 9 V- Uhr Abends
mittelst Extrazuges nach Hannover ab. Von dort begaben
sie sich am folgenden Tage nach Arolsen, wo Prinz Wilhelm
seine junge Frau den Eltern seiner verstorbenen Gemahlin
vorstellte. Am 13. April hielt das Neuvermählte Paar seinen
feierlichen Einzug in Stuttgart, woselbst es von den städti-
schen Behörden, wie von der ganzen Bevölkerung anf's Herz-
lichste begrüßt wurde. Nach nur kurzem Aufenthalt in
Stuttgart reiste Prinz Wilhelm mit seiner jungen Gemahlin
nach Nizza, um sich dem zur Zeit dort weilenden württem-
bergischen Königspaarc vorzustellen. Am 26. April beab-
sichtigen die Neuvermählten dann wieder nach Stuttgart zu-
rückzukehren, woselbst mehrere größere Festlichkeiten ihnen zu
Ehren stattfinden sollen.
Siesta.
(Siehe das Bild aus Seite 477.)
Das hübsche Bild auf Seite 477 führt uns zwei junge
Damen vor Äugen, die sich nach eingenommener Mittags-
mahlzeit unter grünen Bäumen im schwellenden Grase jenem
Zustande halb träumender, halb wachender Beschaulichkeit
hingeben, den man im „glücklichen Kampanien" äolos kar nisvto,
im sonnigen Spanien Siesta genannt hat. Die Wonnen einer
solchen Siesta aber kann inan — selbst wenn man das weichste
Kanapee besäße — nicht daheim genießen, sondern nur in der
Sommerfrische, wo versteckte Plätzchen im Garten, Park oder
Walde an den heißen Juli- und Augustnachmittagen zu welt-
vergessener Ruhe locken und wo man, umfächelt von schmei-
chelnden Lüsten und dem Duste der Blumen, eingesungen von
den heiteren Weisen der Vögel und dem Summen der In-
sekten, in einen Zustand des Schlafwachens verfällt, der uns
allen Sorgen und Plagen des täglichen Lebens entrückt nnd
in eine selbstgeschasfene Welt flüchtiger, aber reizvoller und
füßer Traumgebilde versetzt. Das allein ist eine wahre Siesta,
die freilich dem Mittel-Europäer bei seinen rastlosen, jedem
ruhigen, beschaulichen Genuß abholden Lebensgewohnheiten
und den ungünstigen klimatischen Verhältnissen nur selten zn
Theil wird, dann aber auch um so köstlicher ist. Auch die
beiden jungen Mädchen auf unserem Bilde geben sich ganz
ihren angenehmen Träumen in herrlicher Waldeinsamkeit hin,
während der brave Neufundländer Wache hält, damit ja
kein indiskreter Beobachter sich nahe und die beiden Schönen
überrasche.