Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 16.1905

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M. Rapsilber: Kunstgewerbe-Ausstellung bei A. S. Ball—Berlin.

und auf das verrückte und wilde Schnörkel-
wesen fällt auch Berlin nicht mehr hinein.

Wenn es nun auch der Firma A. S. Ball
Reklame halber darauf ankam, vor allem
Grenandersche Möbel zu zeigen, auf welche
sie den Grand Prix erhalten, so bestrebte
sich andererseits Professor Grenander, den
Berlinern nicht nur Berlinisches vorzuführen,
sondern vielmehr durch Heranziehung von
auswärtigen Künstlern eine volle und starke
Ensemblewirkung moderner Interieurkunst
zu erzielen. Ausser den Berlinern beteiligten
sich an der Ausstellung ein Darmstädter,
ein Karlsruher, ein Münchner, ein Dresdner,
ein Wiener und des ferneren ein Engländer,
ein Schotte und ein Schwede. Man sieht
also, dass der Weltausstellungs-Erfolg nicht
im lokalpatriotischen Sinne ausgeschlachtet
ist. Das wäre in Berlin ohnehin nicht zu
ermöglichen gewesen, denn erst dann be-
quemen wir uns dazu, unsere eigenen
Propheten zu ehren, wenn wir sehen, dass
mit diesen auch andere Deutsche und
vornehmlich auch Ausländer an demselben
Strange ziehen.

Zu bemerken wäre im allgemeinen, dass
sämtliche Möbel und Dekorationen nach den
von den Künstlern eingelieferten Entwürfen
in der Kunstmöbelfabrik A. S. Ball her-
gestellt sind, wobei Grenander eine strenge
Aufsicht führte und nur tadellose Arbeiten
passieren Hess. Auch nach dieser Richtung
hin wollte oder sollte Berlin mit seiner
Leistungsfähigkeit demonstrieren, und in der
Tat sind die Möbel durchweg gut, die
Grenanderschen, welche an den ausführenden
Tischler die höchsten Anforderungen stellen,
sogar ausgezeichnet gearbeitet. Dazu kommt
noch ein wesentliches Moment. In den
Kunst- und Welt-Ausstellungen haben sich
die Interieurs in enge Kojen zu schicken, in
gequetschte Möbelwagenpackungen, wobei
niemals die geschlossene und dem Leben
entsprechende Raumwirkung, die dem ent-
werfenden Künstler vorschwebt, zur An-
schauung kommt. Bei Ball dagegen wurde
eine ganze Etage mit fünfzehn Zimmern zur
Verfügung gestellt, die Räume haben die
in den vornehmeren Berliner Wohnungen
gebräuchlichen Abmessungen und ferner
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haben die Künstler den Raum vom Fuss-
bodenbelag bis zum Plafond nach ihrem
Ideal völlig neugestaltet, und zwar durch
Einbauten, Auskragungen, Abrundungen,
durch Verkleinerung der Fenster und durch
mehr oder weniger starke Niederziehung der
Decke. In letzterem Punkt schlägt Grenander
einen Mittelweg ein. Zu niedrige Zimmer
hindern das Ausklingen der Linien und den
schönen Rhythmus in den Proportionen der
Möbel, Flächen und Beleuchtungen und —
der darin wohnenden Menschen. Berliner
Garde - Offiziere in den modisch englischen
Zimmern vorsichtig herumstolzieren zu sehen,
hat etwas wahrhaft Beängstigendes. Der
recht erleuchtete Künstler nimmt eben die
Maße seiner Interieurs nach den Bewohnern.
Auf die architektonisch feingestimmten
Raumwirkungen hat Grenander ein beson-
deres Gewicht gelegt und damit auch einen
besonderen Erfolg erzielt. In dieser Aus-
stellung wird den Berlinern des ferneren
noch klar gemacht, dass der moderne Stil
keineswegs ein Ausfluss von Neuerungs-
sucht, von Laune oder sonst einer Willkür-
lichkeit ist, er wächst vielmehr folgerichtig
aus umgeänderten Lebensbedingungen, aus
neuen Anforderungen an die Hygiene. An
Stelle von Kerzen- oder Lampenbeleuchtung
ist das bewegliche elektrische Licht getreten,
Kachelöfen und Kamine haben den Gittern
der Zentralheizung Platz gemacht, und wer
es irgend ermöglichen kann, nimmt auch zu
den Segnungen der Ventilation seine Zuflucht.
Es ist klar, dass alle diese neuen Voraus-
setzungen auch zu neuen Formen und Ab-
messungen führen mussten. Das Verständ-
nis hierfür wollte der Professor und Theo-
retiker Grenander den Besuchern des Hauses
Ball ebenfalls nach Kräften nahelegen.

Für die Leser dieser Zeitschrift sind die
an der Ausstellung beteiligten Künstler und
ihre Art der Innendekoration durchaus ver-
traute Erscheinungen, sodass sich die Ab-
bildungen eigentlich von selber erklären und
wir also der MühewTaltung überhoben sind,
Entdeckungen zu machen oder das Blaue
vom Himmel herunter zu interpretieren. Es
genügt in Kurzem die Farbenstimmung und
die verwendeten Materiale anzudeuten. Alle
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