Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 16.1905

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Klingers Richard Wagner-Denkmal für Leipzig.

Es fügte sich gut, dass man in Leipzig zu
Meister Klinger gehen konnte als es galt,
dem andern grossen Sohne der Stadt, Richard
Wagner, ein längst geplantes Denkmal zu errichten.
Mit lebhaftem Eifer ging Klinger an die ihm
sympathische Aufgabe. In der kurzen Zeit eines
Jahres hat er die Vorarbeiten erledigt und kürz-
lich das Gipsmodell in halber Grösse fertiggestellt.
Unsere Abbildungen in der vorigen Nummer zeigen
es von den beiden wirksamsten Seiten, durch
einen Kunstgriff des Photographen schon mit
Baumgrün umgeben.

Es wäre aber unvorsichtig, sich nach den
Abbildungen eines im Detail noch unausgeführten
kleinen Gipsmodells eines Kolossaldenkmals ein
abgeschlossenes Urteil zu bilden. Denn ganz
abgesehen davon, dass Klingers Werke bei der
letzten Ausfeilung sich gewöhnlich ganz wunderbar
verändern, zeigt eine kleine Abbildung, die das
Auge mühelos umspannen kann, die Konturen,
Verkürzungen, Faltenzüge, Schattenpartien und
damit die Gesamtwirkung vollständig anders als
die Riesenformen des fertigen Denkmals. Selbst
das Gipsmodell in halber Grösse macht einen
irreführenden Eindruck und nur die prächtigen
Kartons in Originalgrösse im Atelier des Künstlers
lassen die gewaltige Wirkung des Werkes ahnen. —
Immerhin aber vermitteln uns diese Abbildungen
eine Vorstellung von der Gesamtanlage des Denk-
mals und geben Antwort auf die Frage: Wie wird
Klinger nach den genialen Verkörperungen von
Liszt, Brahms und Beethoven den Musikheros
Wagner im Denkmal gestalten?

Mit Überraschung sieht man da eine dem
>Beethoven« vollkommen entgegengesetzte Auf-
fassung, eine ragende, von allem Beiwerk befreite
Mantelfigur in feierlicher Ruhe und Erhabenheit
einherschreitend. Die Linke ruht unter dem Mantel
auf der Brust, die herabhängende Rechte hebt leicht
den Stoff des Mantels, auf dem linken Fusse ruht
die Last des hochaufgerichteten Körpers, das rechte
Bein ist zurückgenommen und schafft durch die
Kniebeugung ein Faltenspiel des unteren Mantel-
teils. Über dem durch den Mantel zu einer
Einheit zusammengefassten Körper wirkt domi-
nierend das Haupt mit den charakteristischen
grossen Zügen Wagners und zwar aus seiner
mittleren Zeit, auf dem Höhepunkt seiner Schaffens-
kraft, wo aber auch der Widerstand der Welt,
Kampf und Sorge noch nicht völlig überwunden
waren. Das ist echt Klingerisch, diese: Und doch!
Stimmung, der sieghafte Trotz des Genies, nicht
die bequeme Ruhe nach dem Siege. Dieser Kopf
mit dem energischen Leben in seiner Bildung und
dem ernsten, stolzen Selbstbewusstsein, mit seinen
über alles Niedere in weite Fernen blickenden
Augen wird ein einzigartiges Meisterwerk Klingers
werden. Schon bei zwei Büsten hat er sich in

das Problem von Wagners Kopf vertieft und jetzt
eine Höhe des monumentalen Ausdrucks erreicht,
der wirklich siegreich absticht gegen die land-
läufigen fast karikierten Wagnerporträts.

Die Figur wird in Laaser Marmor ausgeführt
und erhält die beträchtliche Höhe von 4,20 m.
Sie erhebt sich auf einem beinahe 2 m hohen
originellen Quaderunterbau, der an der Front
3 Treppenstufen und mit einem Ornamentband
verzierte niedere Treppenwangen zeigt. Auf
den ersten Blick hat dieser Aufbau etwas Un-
gewöhnliches und in der Seitenansicht etwas
Harteckiges, aber auch hier wird die endgiltige
Ausführung zeigen, dass Klinger, wie bei allen
seinen plastischen Werken, mit besonderem Ge-
schick die wichtige Sockelfrage gelöst hat. Es ist
wohl klar, dass die Stufen an der Vorderseite
nicht nur eine für das Auge gefällige Vermittelung
zwischen dem natürlichen Boden und der idealen
Bühne der Figur abgeben, sondern auch symbo-
lisch die Erhabenheit des Genies über der Alltags-
welt und zugleich eine Vermittelung zwischen
beiden andeuten. Auch das Ornamentband an den
Treppenwangen, das einzige Zierwerk am ganzen
Denkmal, scheint mir neben dem Schmuckzweck
in seinem altgermanisch anmutenden Lineament
einen besonderen Sinn zu haben. Aber viel wich-
tiger als Deuteleien, wozu dieses Denkmal recht
wenig Veranlassung gibt, scheint mir die Frage:
Warum hat Klinger den Musikheros, den Dichter
und Philosophen Wagner gerade so gebildet?
Warum steht er, warum ist er in den Mantel
gehüllt, allein und unvermittelt aufragend? Nun,
wir wissen, dass Wagners kleine Gestalt an sich
der monumentalen Verkörperung wenig entgegen-
kam, dass sich aber in seinem Kopfe die Genialität
ausprägte. Daher wählte der Künstler die stehende
Mantelfigur, die durch ihre Verhüllung alle Auf-
merksamkeit des Beschauers dem bedeutenden
Haupte zuwendet. Zugleich gewann er durch die
Verhüllung des Körpers ein plastisch sehr wirkungs-
volles Motiv grosser, tiefer Faltenzüge mit ihrem
Licht- und Schattenspiele.

Wird beim »Beethoven« durch reiches und
sinnvolles Beiwerk der Eindruck der Persönlich-
keit gesteigert, so schafft beim Wagner-Denkmal
gerade das absolute Fehlen jeden Beiwerks und
jeder konkurrierenden Figur die starke Vorstellung
von der einzigartigen Bedeutung, von der ragenden
Grösse des Dargestellten. Dieser Eindruck wird
noch durch die königliche Haltung, durch die
Würde und Feierlichkeit der Bewegung, durch
Geste und Gewandung gehoben. Wer freilich
nach einer deutlichen Beziehung zum Musikalischen
sucht, der wird sie nicht finden, es ist nicht der
Dirigent oder Komponist Wagner dargestellt,
sondern der geniale Mensch Wagner in monumen-
taler Auffassung. dr. feijx bkcker.
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